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[Bd. 5] (1895) Australien und Ozeanien : eine allgemeine Landeskunde / von Wilhelm Sievers
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Die Mikronesier der Marshall- und Gilbert-Inseln. Die Polynesier.

denn nach allgemeiner Ansicht ist es auf allen diesen Inseln bisher mir zu einen: Scheinchristen- turn, äußerlichen Litaneien und Gebrauchen gekommen, ohne daß der Kern der Religion richtig und innerlich erfaßt worden sei.

Zurückgegangen sind die zahlreiche:: Tänze, Feste und Spiele der leichtlebigen Marshall- Jnsulaner; weniger auf den Gilbert-Inseln, wo sie von jeher figurenreicher waren als dort. Überall knüpften sie an freudige und traurige Ereignisse an: die Vollendung des Baues eines Hauses oder Bootes, die Ankunft oder Abreise eines Fremden, an Geburt und Tod, Regen und Dürre, Krankheit und Eheschließung. Mimische Darstellungen mit Gesang, Geschrei und Trom­melschlag bilden den Kern dieser Feste und Tänze, die meist erst mit der körperlichen Erschöpfung der Teilnehmer enden. Zahllose Wanderungen von Insel zu Insel sind sehr beliebt.

Auf beiden Inselgruppen glaubt man an ein Fortleben nach den: Tode und behält auf den Gilbert-Jnseln den Schädel für heilige Zwecke zurück. Hier wird die Leiche so lange öffentlich ausgestellt, bis das Fleisch verfault ist, die Knochen gereinigt und begraben. Auf der Marshall- Grnppe dagegen hüllt man die Leiche in Matten und versenkt sie ins Meer; Häuptlinge aber wurden in sitzender Stellung begraben.

I> Die Polynesier.

Die Polynesier sind in: Gegensatz zu den Mikronesier:: ganz allgemein als eine besondere Rasse aufgefaßt worden, weil sie jedenfalls den Melanesien: scharf gegenübersteht und als helle Rasse den Vorrang unter allen Südseevölkern sowohl wegen ihrer körperlichen Vorzüge als auch wegen ihrer Intelligenz, einer vorgeschrittenen Halbknltnr und deutlicherer politischer Organisa­tion verdient. Ob man ihnen nun die Mikronesier zurechnet oder nicht, unbedingt lassen sich für die Polynesier mancherlei Ähnlichkeiten mit den Malayen in körperlicher und sprachlicher Beziehung, auch in Sitten und Gebräuchen aufstellen. Man darf annehmen, daß sie von Westen her anf die polynesischen Inseln, vielleicht über Mikronesien, eingewandert sind und sich dann namentlich von den Sainoa-Inseln aus über das ganze östliche Jnselgebiet ausgebreitet haben. Zwei Stämme, der nördlichste, die Hawaiier, und der südlichste, die Maori, haben sich infolge ihrer Isolierung in mancher Beziehung eigenartig entwickelt. Diese besprechen wir daher beson­ders und fassen die übrigen gleichartigen Polynesier unter der Bezeichnung Mittelpolynesier zusammen.

1. Die WitLekpokynesier.

An den Mittelpolynesier::, den Bewohnern sämtlicher polynesischer Inseln mit Aus­nahme der Hawaii-Gruppe und Neuseelands, lassen sich die allgemeinen typischen Züge der poly­nesischen Nasse an: besten erkennen.

Brachykephaler Schädel, abgeplattete bis gebogene, vielfach semitische Nase, kleine, lebhafte, horizontal gestellte Augen, wohlgebildeter Mund, dicke Lippen, grobe, sinnliche Gesichtszüge, feineres schwarzes, teilweise welliges bis lockiges Haar und ein meist hoher, schöner Körper sind die wichtigsten Merkmale der Polynesier. Das Haar wechselt in der Färbe von schwarz bis kastanienbraun, die Samoaner sollen sogar bis rotblond sein, die Körperkraft ist.nicht sehr groß. Fettreichtu::: und Korpulenz, infolge von Trägheit, nicht selten. Die Frauen (s. Abbildung, S. 326) sind weniger gut gebaut als die Männer, teilweise klein und unansehnlich, Hände und Füße mitunter zierlich. Auf den weniger genügende Nahrung bietenden Koralleninseln trifft man natürlich oft nicht so gut genährte und kräftige Individuen wie auf den hohen Inseln.