Zeitschriftenband 
[Bd. 5] (1895) Australien und Ozeanien : eine allgemeine Landeskunde / von Wilhelm Sievers
Entstehung
Seite
321
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Die Westmikronefier. Die Bewohner der Marshall- und Gilbert-Inseln. ZZ1

Vierteile dieser unter dein Namen derRuinen von Nanmatal" (s. Abbildung, S. 320) zu­sammengefaßten Bauten waren Unterbauten für Wohnhäuser, die übrigen dienten anderen Zwecken. Der Gebändekomplex von Nan Tauacz war eine Gruft der Häuptlinge, ein aus Ba­saltsäulen aufgeführtes Gewölbe, auf dessen Boden Menschenknochen, Geräte, Steinäxte und Schmuckgegenstände gefunden worden sind. Auf einer 70 m langen und 60 m breiten Platt­form befinden sich ineinander geschachtelte Mauervierecke mit offenen, 3 4 m breiten Ein­gängen. Die einzelnen Vasaltblöcke, die diese schweren Mauern bilden, wiegen 3800 und noch mehr, so daß es unverständlich ist, wie die Inselbewohner diese Lasten auf die Höhe voll 510m zu heben vermochten.

Die Ruinen der Inseln Nangutra und Jtal bringt Kuban) mit den religiösen Zeremonien des Geheimbundes der Dziamorous in Verbindung, der noch in den siebziger Jahren anf Ponape bestand. Während seiner Feste auf Nangutra im Mai oder Juni wurden alle im letzten Jahre allgefertigten Kanoes geweiht, in den Räumen des Steinhauses Kava getrunken, den Geistern Nahrung geopfert und die neuen Mitglieder in die Satzungen des Bundes eingeweiht. Diese Gebräuche werden noch jetzt von den Dziamorous, deren äußeres Kennzeichnen das Langwnchsen- lassen des Haares ist, das nie geschnitten, sondern nur abgesengt werden darf, befolgt und scheinen früher in Nangutra ganz ähnlich gewesen zu sein. Doch dürfte auch diese Sitte dem Christentum jetzt vollständig erlegen sein.

Ob der aus der Beschaffenheit der aufgefundenen langschädeligen Reste der alten Erbauer und Bewohner der Ruinen gezogene Schluß Kubary's, daß sie in: Gegensatz Zu den jetzigen Be­wohnern Ponapes der Negerrasse angehört haben sollen, stichhaltig ist, läßt sich wohl bezweifeln.

2. Die HsL-Wikronesier: Die Dem ohn er der Marsh all- und

Gilbert-Inseln.

Die Stellung der Marshall- und Gilbert-Jnsulaner im Völkerkreise der Südsee ist nicht völlig gesichert: Finsch hält sie für reine Polpnesier, Bastian und Steinthal für reine Mikro- nesier, Gerland trennt sie voll den Polynesien:, stellt sie ihnen aber nahe. Wir rechnen sie mit Gerlarld zu den Mikronesiern. Die Bewohner der Marshall-Jnseln sind schlank, mittel- kräftig und mittelgroß und unterscheiden sich je nach der Lage der Inseln insofern, als die Be­wohner der fruchtbareren südlicheil Inseln im ganzen schmächtiger sind und welliger Kräfte be­sitzen als die der nördlichen unfruchtbaren. Die Hautfarbe ist kastanienbraun, mit Abstufungen zum Olivengelbbraun einerseits und zum rötlichen Ziegelbraun anderseits, im ganzen aber dunkler als die der polynesischen Inseln, Tonga und Samoa. Die Männer haben längliche, die Frauen volle, runde Gesichter, das Haar tragen beide Geschlechter lang und buschig, die zum Christentum übergetretenen scheren es aber kurz; Bartwuchs ist selten. Große dunkle Augen mit heiterem Ausdruck, mäßig hervortretende Backenknochen, eine au der Wurzel flache und breite Nase mit gewölbten Flügeln, großer Mund mit vollen, breiten, braunen bis roter: Lippen, regelmäßige Zähne, durchbohrte und weit herabhängende Ohrläppchen bestimmen der: Eindruck, den der Marshaller auf uns macht. Die Füße sind, wie bei vieler: Südseevölkern, klein. Wohlgeformt sind die Busen der Frauen; doch altern die Marshallanerinnen rasch wie ihre mikronesischen und polynesischen Schwestern.

Die Gilbert-Jusulauer sind größer (1 m 57 em bis 1 m 83 em), schöner und kräftiger geballt als die Marshaller und nähern sich irr ihrem Äußeren den Polynesien:, von denen sie nach Fälsch nicht getrennt werden sollten, während Hudson bei der Ankunft auf den Gilbert- Jnseln eir: von den Polynesien: Samoas völlig verschiedenes Volk zu sehen glaubte.