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Deutsch-Afrika und seine Nachbarn im schwarzen Erdteil : eine Rundreise in abgerundeten Naturschilderungen, Sittenscenen und ethnographischen Charakterbildern ; Nach den neuesten und besten Quellen, für Freunde der geographischen Wissenschaften und den Kolonialbestrebungen, sowie für den höheren Unterricht / Von Johannes Baumgarten. Mit einer Karte von Deutsch-Afrika
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Deutsch-Südwestafrika.

IV.

Die Herero als Heiden und als Christen.

Vergleich der gegenwärtigen Zustände einer Heiden- und Christenwerft.

Praktischer Beweis der segensreichen Kulturarbeit der Missionare.*)

Wie die Missionare nach vieler Mühe, Arbeit und Not endlich eine Bresche in das wohlverrammelte Bollwerk der südafrikanischen Barbarei gelegt und welche Fortschritte die Kultur hier gemacht hat, zeigt am besten ein Vergleich der gegenwärtigen Zustände einer Heiden- und Christenwerft der Herero.

Daß überhaupt auf den meisten Missionsstationen eine Heiden- und Christenwerft unterschieden wird, zeigt zur Genüge, wie tief­greifend die durch Annahme des Christentums verursachte Änderung ist. Es nimmt freilich auch kein Wunder, daß ein Mensch, welcher seine Menschenwürde im Lichte des göttlichen Wortes kennen lernte, die Werfte der heidnischen Herero nicht ferner als Wohnstätte be­nutzen kann. Ihre bienenkorbartigen Wohnungen, Pontocs genannt, bestehend aus Laubfachwerk mit einer dichten Schicht Kuhdünger, sind eine Heimstätte dichter Finsternis, furchtbaren Schmutzes und zahllosen Ungeziefers. Die einzige Öffnung des 1015 Fuß im Umkreis fassenden Raumes ist die Thüre, durch welche man nur auf den Knieen hereinkriechen kann. Das Auge eines Europäers kann sich kaum an die im Innern herrschende Dunkelheit gewöhnen. Wo man mit Menschen oder Gegenständen auch nur in die leiseste Be­rührung kommt, bleibt eine Schicht dunklen Schmutzes kleben. Das Ungeziefer nimmt derart überhand, daß diese empfindungslosen Menschen selbst die Notwendigkeit erkennen, von Zeit zu Zeit das ganze Haus mit seiner Besatzung niederzubrennen.

Solchen häuslichen Zuständen entspricht auch das Gemeindeleben, welches von schmutzigen Sitten und Gebräuchen erfüllt ist. Den Mittelpunkt der Werfte bildet der Opferplatz mit seinem ewigen Feuer. Hier tritt noch als weiteres Charakteristikon die Furchtsam­keit hervor, das Mißtrauen gegen einander, die Furcht vor dem Feinde, die Furcht vor den Geistern der Ahnen. Diese letzteren zu bannen, ist der Zweck all ihrer Opfer und ihres ganzen niedrigen Kultus.

*) Nach F. A. Spiecker. Mission und Handelspioniere der Civilisation. Nach praktischer Erfahrung beleuchtet. Allgem. Miss.-Zeitschrift, 1882.