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Deutsch-Afrika und seine Nachbarn im schwarzen Erdteil : eine Rundreise in abgerundeten Naturschilderungen, Sittenscenen und ethnographischen Charakterbildern ; Nach den neuesten und besten Quellen, für Freunde der geographischen Wissenschaften und den Kolonialbestrebungen, sowie für den höheren Unterricht / Von Johannes Baumgarten. Mit einer Karte von Deutsch-Afrika
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Die Bevölkerung Marokkos.

sollen 10001200 Meter hoch sein; auch vr. Lenz giebt nur eine kurze Notiz darüber (s. Seite 227). Ueber den Charakter der Be­wohner des Rif, die in viele kleine Stämme zerfallen, und ihre Stellung zum marokkanischen Reiche äußert sich Graberg di Hemsö, der sechs Jahre als Konsul in Tanger gelebt hat, folgendermaßen: Im allgemeinen ist die Zahl der Amazirghen, welche dem Sultan von Marokko vollständig gehorchen und es nicht etwa bloß aus Handelsrücksichten thun oder um sich die notwendigsten Lebens­bedürfnisse zu verschaffen, sehr gering; der größere Teil, fast 2 Mil­lionen Individuen, lebt unabhängig unter seinen Omzarghen (Herren), Amucranen (Edeln), Amrgaren (Ältesten), oder unter erblichen Fürsten seines Stammes. Das Volk wohnt unter Zelten, zuweilen auch in Höhlen an hohen und unzugänglichen Orten, wo es seine Unabhängigkeit behauptet und noch im Jahre 1819 unter dem Amrgar M'hausche einen blutigen Kampf gegen den Kaiser von Marokko geführt hat, der mehrere Jahre dauerte. Die AmLzirghen sind von weißer Hautfarbe, mittlerer Statur, schönen athletischen Formen, rüstig, stark, thätig, lebhaft und meist schlank. Sie unter­scheiden sich vornehmlich durch ihren spärlichen Bart vor allen an­deren Bewohnern Marokkos; wie der Rff-Bewohner sich wieder durch einen grimmigen, boshaften und trotzigen Blick vor allen an­deren Amazirghen und besonders vor den Schilluchs auszeichnet. Von Temperament sind sie lebhaft und aufgeweckt. Ihre Hautfarbe ist weißlich, das Haar nicht selten blond, daß man sie bisweilen eher für Landleute des nördlichen Europa, als für Bewohner Afrikas halten sollte. Sie tragen ein einfaches Hemd ohne Ärmel, und Bein­kleider; den Kopf scheren sie und lassen nur aus dem Hinterhaupts die Haare stehen, tragen auch keinen Bart mit Ausnahme eines Knebel- und Kinnbartes. Auf den Berggipfeln bewohnen sie Hütten und bisweilen Höhlen wie die alten Troglodyten; in der Ebene bauen sie sich Häuser von Stein und Holz, deren Mauern mit vielen Schießscharten versehen sind. Sie sind trotzig, voller Verwegenheit, wenn sie gereizt werden, unversöhnlich in ihrem Hasse, und treffliche Schwimmer. Ihr Hauptvergnügen ist die Jagd; sie lieben ihre Flinten leidenschaftlich und sparen kein Geld, um sie mit Elfenbein oder Silber zu verzieren. Sie nähren sich hauptsächlich von der Viehzucht. Ihre Lebensart macht sie zu äußerst kräftigen und un­ruhigen Menschen; sie sind die erbittertsten Feinde der Christen und übertreffen an Fanatismus und Intoleranz selbst die Mauren.