Straßenbilder aus Tlemcen.
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die Welt mit ziemlichem Erfolge verbreitet wurden. Alexander von Humboldt sagt aber in feinem Kosmos: „Es liegt nicht in der Bestimmung des menschlichen Geschlechts, eine Verfinsterung zu erleiden, die gleichmäßig das ganze Geschlecht ergreift. Ein erhaltendes Prinzip nährt den ewigen Lebensprozeß der fortschreitenden Vernunft." Wenn es somit hier den Arabern, dem von Haus aus allerdings nicht unbildsamen, semitischen Urstamme vorbehalten war, an der Warte des Wissens längere Zeit Wacht zu halten, so fiel dies freilich gerade in ihre günstigste Periode, in ihre Blütezeit, von welcher sie seitdem durch türkische Oberhoheit und eine stupidere Auslegung des Korans nach und nach tief herabgedrängt wurden. Heute würden sie schwerlich der früheren hohen Mission mehr gewachsen sein, doch kann man den Koran selbst dafür wohl nicht allein verantwortlich machen.
Als wir einmal im Laufe unserer Unterhaltung auf die größeren nationalen Verschmelzungen zu sprechen kamen, äußerte einer meiner maurischen Bekannten, daß er an eine solche nie und nimmermehr glauben könne, da die Anschauungen beider Völker sich in einem so großen Kontraste befänden, wie Öl und Wasser, welche stets geschieden blieben. Mußte ich aus eigener Beobachtung ihm zur Zeit, ja für noch lange Recht geben, so gab mir sein Vergleich doch den Gedanken ein, es würde auch für dieses Öl und Wasser noch eine Seife gefunden werden können, welche ihre Vereinigung vermitteln dürfe.
4. Straßenbilder aus Tlemcen.
Die arabische Stadt. — Eine Karawane aus der Wüste. — Schlangenbeschwörer, Gaukler und Märchenerzähler. — In der Zanja der Fakire. — Arabische Musik.
— Der Fakirtanz. — Die Jünger des Sidi Mohammed ben Aissa.
Das heutige Tlemcen zählt heute kaum 20 000 Einwohner, ehedem bewegte sich in der alten Königsstadt eine Bevölkerung von Hunderttausenden. Es besteht aus drei abgesonderten Quartieren: dem modernen Stadtteile mit dem Jndenviertel, dem Quartier der Marokkaner und Kabylen und dem südlichen Teile, der arabischen Stadt.
Wenige Schritte hinter den modernen Bauten beginnt das Gewirr der schmalen und verschlungenen, oft überwölbten Sträßchen und Gäßchen, ein Labyrinth von niederen und geheimnisvollen