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Die Arbeiterverhältnisse und Besiedelungsversuche in den portugiesischen Besitzungen Sao Thomé, Angola und Portugiesisch-Ostafrika / von Oskar Bongard
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einbrachte. Portugal wurde also durch die Macht der Verhältnisse gedrängt den bisherigen, von der Zivilisation verworfenen Standpunkt beizubehalten. Eine reiche Nation hätte die Sklaverei aufheben und die Pflanzer von St. Thomo und Angola entschädigen können. Portugal besaß aber die Mittel zu dieser Entschädigung nicht und war sogar auf die Einnahmen, die aus vem bisherigen Verhältnis entstanden, angewiesen.

Andere Nationen hatten diese Schwierigkeit in Afrika nicht. In ihren Besit­zungen konnten Pflanzungen, Bergbau und Industrien nur in Angriff genommen werden, wenn Arbeitskräfte vorhanden waren; es entstand also keine wirtschaftliche Schädigung, wenn dies unterblieb.

Portugal aber besaß diese Pflanzungen und Industrien und durch ihre Ver­nichtung würde das Land einen schweren wirtschaftlichen Schlag erlitten haben.

Wenn man sich auf den Boden der streng liberalen Anschauung stellt, so kann man Portugal, abgesehen von den sporadischen Ausschreitungen nur vorwerfen, daß es nicht der heutigen Anschauung von Zivilisation, die Existenz von S. Thoms und dadurch wahrscheinlich von seinem ganzen Kolonialbesitz geopfert hat. Ferner darf man nicht vergessen, daß die Portugiesische Westküste Afrikas von Anbeginn an der Sitz der Neger-Sklaverei gewesen ist, und daß diese dort nie aufgehört hat, daß also dadurch die Anschauung über die Sklaverei bei den Portugiesen eine ganz andere, mildere ist als bei den anderen Völkern.

Ich glaube, daß ein Vorschlag, welchen v. Wißmann für die deutschen Kolo­nien gemacht hat, zur Lösung der Arbeiterfrage in S. Thome und Angola beitragen könnte, ohne gegen die heutige Anschauung von der Freiheit des Individuums zu verstoßen. Der frühere Gouverneur D. Ostafrikas schlägt nämlich vor, jeden Eingeborenen zu einer Arbeitsdienstzeit auszusieben, wie bei uns jeder Bürger seiner Militärpflicht genügen muß.

Zu einem solchen System sind die Neger Angolas durch die bisherige Behand­lung geradezu vorbereitet und erzogen worden.

Die jetzigen Vorschriften haben etwas diesem System Verwandtes, nur öffnen sie der Willkür Tür und Tor.

Es müßte die neue Organisation dann nicht nur auf die Interessen der Pflanzer und Industriellen zugeschnitten werden, sondern diese müßten ihre Ver­hältnisse auch der richtigen Form der Eingeborenenbehandlung anpassen.

Die allererste Bedingung aber ist, daß den Eingeborenen für die Dienst- pflicht ein Äquivalent geboten wird, welches sie jetzt für ihre Zwangsarbeit nicht haben.

Es muß Ruhe und Sicherheit im Lande geschaffen werden durch eine geordnete, das Hinterland umfassende Verwaltung und nicht mehr dürfen Überfälle, Krieg und Sklavenranb durch wilde Stämme, die ruhigen Eingeborenen in Schrecken halten, das Land entvölkern und die Bcsiedelung verhindern.

Ob freilich Portugal mit seinen geringen Mitteln und seiner geringen Macht diese Ordnung und Sicherheit wird schaffen können, ist eine andere Frage.

III. Die farbigen Handwerker und Angestellten.

Bei der Deckung des Bedarfs an Handwerkern, Aufsehern, Handelsgehülfen und Angestellten aller Art durch Eingeborene ist die Lage in demselben Maße günstig in Angola wie sie bei der Arbeitergcwinnung für Pflanzungen und Groß-