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Die Arbeiterverhältnisse und Besiedelungsversuche in den portugiesischen Besitzungen Sao Thomé, Angola und Portugiesisch-Ostafrika / von Oskar Bongard
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Richtiger ist wohl, daß die Stämme, bei denen Kannibalismus vorkommt, im Gegensatz zur Mehrzahl der anderen Neger, Karnivoren sind und ihre Angehörigen in S. Thomo daher die überwiegend vegetarische Kost nicht vertragen.

Bei der erwähnten hohen Sterblichkeit unter den Arbeitern S. Thomos darf man, wie ich glaube, zweierlei nicht außer acht lassen, nämlich daß der tropische Neger auch in seiner Heimat sehr unter Erkältungskrankheiten, insbesondere Lungen­entzündung, zu leiden hat, und daß er durschnittlich überhaupt nicht alt wird.

Wir haben gesehen, daß von Angola aus die in der Vollkraft des Lebens stehenden Männer nach S. Thomo gebracht werden, während die minderjährigen meist auf den Pflanzungen des Festlandes verbleiben. Infolge des frühzeitigen Alterns muß also auch in S. Thomä ein stärkerer Abgang stattfinden als in Angola. Die Einwirkung des Klimas der Insel, besonders der kalten Nächte, und der Art der Beschäftigung, will ich hiermit nicht in Abrede stellen.

Werfen wir auf die bisherigen Ausführungen einen Blick zurück, so finden wir, daß die Pflanzungen von Angola und S. Thomo von jeher bis auf unsere Zeit als Arbeiter Sklaven hatten, die im Wege des Kaufs erworben wurden. Während die Sklaven früher dauernd ihrem Herrn dienen mußten, wurden sie in der letzten Zeit nach fünf Jahren nominell frei, blieben aber meist freiwillig oder wurden durch absichtlich herbeigeführte Verschuldung zum Bleiben gezwungen. Die Lage der Sklaverei-Arbeiter ist eine erträgliche; sporadisch kommen Fälle von grausamer Behandlung vor. Einzelne Betriebe bedingen, gerade wie in Europa, für die Gesundheit der Arbeiter größere Gefahren.

Der immer schamloser betriebene Sklavenraub und die Bedrückung der Ein­geborenen führen 1902 zum Aufstand, wobei die Mißbräuche portugiesischer Händler und Beamten an den Tag kommen und die öffentliche Meinung in Portugal erregen. Dadurch wird die Regierung zum Erlaß von Arbeiter-Schutzmaßregeln genötigt, welche in erster Linie durch strengste Beaufsichtigung der Arbeiteranwerber Wandel zu schaffen geeignet sind.*)

II. Zwangs- und Besseruugsarbeit.

Durch die Besserung der Lage der Arbeiter und die Abstellung der Miß­stände bei der Arbeiteranwerbung in Angola wurde nur eine Forderung erfüllt, die man an eine zivilisierte Nation stellen muß, aber die Arbeiterfrage war damit nicht gelöst. Angola hätte vielleicht seinen Bedarf an Arbeiterkräften decken können, S. Thomo aber mit seinem Jahresbedarf von 4000 Arbeitern war schlimmer dran als vorher, wenn diese Arbeiterschutzvorschriften wirklich durchgeführt wurden. Ein 1895 mit Unterstützung der Regierung unternommener Versuch mit 300 chinesischen

*) Über die Einrückung des Dekrets vom 16. Juli 1902 schreibt mir Herr Aengeneyndt: Meine Beobachtungen gelegentlich meines letzten Aufenthaltes in Sao Thomö nach, hatte die verschaffte Gesetzgebung schon im Dezember 1902 mancher zur Verbesserung der Lage der Neger auf den Plantagen beigetragen. Es wurde in fürsorglicher Weise für bessere Wohnungen, bessere Beköstigung (seit einigen Jahren wird in immer steigenden Mengen argentinisches Fleisch und Reis zur Beköstigung der Arbeiter in Sao Thomö eingeführt) viel getan, um das Los der Neger zu verbessern. Der steigende Wohlstand der Pflanzer gibt ihnen auch die Mittel dazu, während in den ersten Zeiten alle Einrichtungen auf das Primtivste getroffen werden mußten, um die Anlagekosten nicht zu sehr zu vergrößern. Heute ist es in Sao Thomö um Vieles besser geworden gegen die Zeit vor 1015 Jahren."