382
Dr. L. Martin.
angegebene Modifikation dieser Reaktion hingewiesen, welche sie in den Bereich jedes noch so isoliert arbeitenden Arztes bringt. Fickeii hat auf Grund der Tatsache, daß auch tote Typhusbazillen durch das Serum von Typhuskranken agglu- tiniert werden, von der Firma Merck in Darmstadt eine Flüssigkeit herstellen lassen, welche solche tote Eberthbazillen enthält, das sogenannte „FiCKEit’sche Diagnostikum“. Bei Anwendung dieses Diagnostikums, zu dem nur ein kleiner Apparat (1 Flasche physiologische Kochsalzlösung, 1 Schröpfkopf, 1 Glaspipette und ein Gestell mit 5 Miniaturreagenzröhrchen) gehört, kann man in ca. 10 Minuten die Reaktion ausführen. Nachprüfungen des Diagnostikums durch J. Meyeii (Berlin, klin. Wochenschr., 1904, Nr. 7) und Eiciiler (Münch, med. 'Wochenschr., Nr. 3 1905) haben dessen eminente Brauchbarkeit vollauf bestätigt. Wir glauben aber, daß der erfahrene, unvoreingenommene Praktiker, der den Begriff Malaria auf Malaria beschränkt und dessen erster Grundsatz das goldene Nil nocere ist, am Krankenbette sicher ohne Diazo und "Widal den Typhus auch in seinen abweichenden Formen erkennen wird und daß die um einige Tage früher oder später gewonnene Sicherung der Diagnose bei sonst guten, hygienischen Einrichtungen belanglos ist.
Unsere Kenntnis der Coli bacillosis, auch Colibacillosis pseudotyphica genannt, ist noch sehr gering und nur wenige Fälle wurden bisher aus den Tropen mitgeteilt, so einer von de Haan und Kiewiet de Jonge aus Batavia; diese in ihren Symptomen und Verlauf dem Typhus sehr ähnliche Affektion dürfte differential-diagnostisch nur durch Widal und durch den Nachweis von Colibazillen im Urin von Typhus abzuscheiden sein. Da das Mittelmeer-(M. alta-)Fieber auch in Indien und Hongkong mit Sicherheit konstatiert worden ist, dürfte auch diese Infektion hier in Betracht kommen. Der milde Charakter, die lange, undulierende Kurve, die begleitenden Gelenkaffektionen, Epididymitis und Orchitis und das Fehlen der Roseola sprechen für Maltafieber; absolut sichere Entscheidung kann oft nur die Serumreaktion geben, da auch der Mikrococcus Melitensis durch Serum von Maltafieberkranken agglutiniert wird, nicht aber durch Typhusserum. Auffallend ist die Beobachtung Bertherand’s, dal! in Algier die Kinder der dort in Anzahl ansässigen Malteser gegen Typhus immun seien.
Prognose.
Die Prognose wird sich unter den Tropen nach den gleichen Gesichtspunkten wie in Europa zu richten haben, sie wird von der Schwere der Infektion und vom 'Verhalten des Herzens ab hängen; bei den leichten, ambulatorischen und abortiven Formen wird sie deshalb absolut günstig, in schwereren, mehrwöchent- licheu Fällen aber nur sehr mit Vorbehalt und zweifelhaft zu stellen sein, eine Darmblutung wird sie sehr ernst, eine Perforation aber hoffnungslos gestalten; im jugendlichen, besonders kindlichen Alter wird sie besser, in späteren Lebensjahren aber schlechter sein; Potatorium und Fettleibigkeit müssen hier wie dort als ungünstige Faktoren angesehen werden. In Europa, llalbasien vielleicht ausgenommen, wird aber der großen .Mehrzahl der Typhuskranken ein ungefähr gleiches Maß von vernünftiger, zweckdienlicher Pflege zuteil werden, welche von unendlich günstiger Bedeutung für die Prognose ist. Anders unter den Tropen in überfüllten Kulihospitalen, Gefängnissen, Kriegslazaretten, auf Transportschiffen und in den elenden Hütten der Eingeborenen — dort wird die Prognose zuerst abhängig sein von dem Maße von Pflege, welches den Patienten gegönnt ist, und von den mehr oder minder günstigen, äußeren Umständen (Reinlichkeit, Lagerung, Ernährung, Ruhe), unter denen sie ihr Leiden durchmachen müssen. Daß Kriege unter den Tropen mit ihren wechselvollen Schicksalen, ihren Menschenanhäufungen unter ungünstigen hygienischen Bedingungen und den unumgänglichen Transporten der ruhebedürftigen