Typhus in den Tropen.
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Verlauf und Kraukkeitsersclieinungen.
Ehe auf die den tropischen Typhus besonders auszeichnenden Details näher eingegangen wird, scheint es geboten, gerade an dieser Stelle auf seine erste und größte Eigentümlichkeit hinzuweisen, welche darin besteht, daß sowohl unregelmäßige, atypische, als auch leichteste, oft ambulatorische und abortive Formen die Regel sind und daß diese die schulmäßig verlaufenden Fälle numerisch weit übertreffen. Es ist dies eine bei allen Autoren wiederzufindende Beobachtung, welche aber auffallenderweise mehr für die Eingeborenen als für die unter den Tropen lebenden Europäer zutrifft. Däubler sagt „der Typhus verläuft milde und ungefährlich unter den Tropen“, nach Rho sind in Massauah die leichten Formen vorherrschend und endemisch, Dr. Görger bestätigt mündlich gleiches für Neusüdwales und nach Descosse (Algier) sind die abortiven Formen von 9 tägiger Dauer häufig bei Eingeborenen, selten bei Europäern, während Peyret (Crespin 1. c. p. 63) wörtlich sagt „il n’est pas temeraire d’avancer, que beaucoup de tirailleurs (indigenes) ont fait leur fievre typhoide sans interrompre leur Service“. „Leichte und abortive Formen bildeten die große Mehrzahl der Fälle“ mußte von dem auf Sumatra endemischen Typhus gesagt werden, welcher ebenfalls die meisten Patienten die Infektion ambulant durchmachen ließ, und Wentworth Tyndale berichtet (Brit. Med. Journ., 1902, p. 384), daß während des letzten südafrikanischen Krieges in Prätoria ungefähr 100 Fälle eines kurzen, im Durchschnitte 8 V 2 Tage währenden, remittierenden, sehr zu Rezidiven neigenden Fiebers vorkamen und daß alle diese Fälle von „Prätoriafieber“ als abortive Typlien erkannt wurden. Es ist begreiflich, daß diese wichtige, die Allgemeinheit der Fälle treffende Eigentümlichkeit viel zur Verkennung des Leidens beigetragen hat. Mögen doch auch in Europa viele leichte Infektionen als gastrische Fieber etc. der Registrierung entgehen; aber als die Regel bestätigende Ausnahme kommen unter den Tropen auch völlig ausgebildete, klassische Schulfälle vor.
Die Angaben bezüglich der Inkubationszeit variieren ganz außerordentlich, was wohl von der Schwierigkeit herzuleiten ist, den genauen Zeitpunkt der Infektion mit dieser ubiquitären Krankheit festzustellen. Es werden sehr kurze, nur wenige Tage betragende Fristen (Crespin 1. c. 5 —6 Tage) und solche bis zu 21, 27, 29 und selbst 30 Tagen angegeben. In der Mehrzahl der Fälle dürfte wohl mit einem Zeiträume von 10—14 Tagen zu rechnen sein. Nachdem aber sogar für den europäischen Typhus, von dem doch so viele Epidemien genau studiert worden sind, nur sehr schwankende Angaben bestehen, ist für den erst spät erkannten, tropischen Typhus noch viel weniger eine sichere Begrenzung des Termines zu erwarten. Daß aber die Virulenz und Menge der verschluckten Infektionsträger hier nicht ohne Bedeutung ist, scheint gerade aus den so verschiedenen Zeitmessungen hervorzugehen.
Als Prodrome der Krankheit lassen sich geistiges und körperliches Krankheitsgefühl, Schwäche und Müdigkeit, Gliederschmerzen — die Füße wollen den Dienst versagen — frontale oder supraorbitale Kopfschmerzen, Ruhelosigkeit, Schlaflosigkeit und fast völlig aufgehobener Appetit vermelden; Klagen über Husten und Durchfall fehlen im Initialstadium meistens. Auffällig und konstant erscheint eine rötliche Injektion des Gesichtes; die Chinesen auf Sumatra sahen blaurot wie erfroren aus und Whitehead spricht von einem „hectic flush on the c-heeks“. Die Zunge ist dick, weißlich belegt und es besteht ein andauerndes, aber nicht oft zum vollen Schüttelfrost führendes Frösteln als Ausdruck der bei Behandlungsanfang oder Hospitalaufnahme schon hohen Temperatur. Die Temperaturkurve (vgl. S. 376) ist