Typhus in den Tropen.
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klärt und die später noch zu erwähnende Eigenart des algerischen Typhus fixiert. Trotz dem Vorgänge der Franzosen aber und obwohl seit Bryden’s Erklärung, 1872, das Vorkommen von Typhus für Britisch-Indien offiziell anerkannt war, wurde diese Erkenntnis kein Gemeingut der unter den Tropen tätigen, europäischen Arzte, die zitierten Stimmen verhallten ungehört, die Diagnosen „continued“ und „remittent fever“ blieben weiter in Kraft und erst in allerjüngster Zeit scheint die Wahrheit siegen zu wollen. Im Jahre 1885 kamen nach Whitehead (Davidson, Hygiene and Diseases of warm climates, Edinburgh and London 1893) in Bombay unter den Eingeborenen 21 850 Todesfälle vor, von welchen 6648 durch Fieber verursacht waren und von diesen 6648 sollten nur 10 durch Typhus verschuldet sein! Wenn man mit diesen Zahlen das folgende Faktum vergleicht, so wird man rasch zu einer höchst kritischen Beurteilung aller früheren Zahlenangaben kommen. Infolge der erschreckenden Typhusmorbidität in der amerikanischen Armee während des jüngsten spanisch-amerikanischen Krieges wurde eine ärztliche Kommission zur Erforschung der Ursachen und des Verbreitungsmodus der Krankheit abgeordnet; diese Kommission nun konstatierte in weitaus den meisten Fällen von Typhus falsche Diagnosen und fast immer Verwechslung mit Malaria; so wurden von einem Regimente 273 Erkrankungen an Malaria (protrahierte Malaria lautete die Diagnose) gemeldet und genaue Untersuchung konnte feststellen, dali es sich in allen 273 Fällen um Typhus handelte. Da dürften unter den 6648 Fiebertoten des Jahres 1885 in Bombay sich wohl auch mehr als 10 Typhusleichen befunden haben! Obwohl nun durch Hirsch schon frühzeitig die unter den Tropen gewohnheitsmäßige Verwechslung von Abdominaltyphus mit Malaria aufgedeckt war, kam doch auch bei uns erst spät, erst nachdem Deutschland schon eine Reihe von Jahren Kolonialmacht geworden war, die Wahrheit zur Geltung und fand Ausdruck in den Veröffentlichungen von Maurer (Münch, med. Woch., 1901, p. 337), Fischer (Archiv für Schiffs- u. Trop.-Hyg., 1901. p. 143) und Martin (ibidem 1902, p. 84); auch Scheube (Krankh. d. warmen Länder, 1900, p. 138—140 und p. 641) deutet den Irrtum an und schließt offenbar nur ungern und zögernd und mit Vorbehalt das Bild der Remittens und des Malariatyphoids den Malariaformen an. Whitehead (1. cd und Rho (Maladie nei paesi caldi, 1897) kamen zu gleichem Urteile und wir dürfen deshalb heute ruhig und mit starker Annäherung an die faktische Wahrheit sagen, daß die große Mehrzahl der unter den Tropen beobachteten Fieberzustände in das Gebiet des Typhus gehört, welcher die Malaria bei weitem an Häufigkeit des Vorkommens übertrifft. Aber Typhus, der ja auch in Berlin oder München acquiriert werden kann und wird, klingt weniger exotisch als Malaria, zu deren Studium man schon nach Italien reisen muß, und es lassen sich von dieser Affektion nicht die schönen, interessanten, farbigen Präparate für das Mikroskop anfertigen, welche die Diagnose der Malaria sichern. Die unter den Tropen häufigen, leichten, abortiven, selbst ambulatorischen Formen des Typhus, das Vorherrschen solcher Formen unter den Eingeborenen, welche meist durch das Bestehen der Krankheit im Kindesalter wenigstens für iluen Heimatsort eine ziemlich hohe Immunität erworben haben, und als Folge das Übersehen dieser Fälle durch den europäischen Arzt, sowie last not least die deutlich günstige Beeinflussung der Temperaturkurve durch Chinin haben den Irrtum groß und alt werden lassen, und so kam es, „that all continued fevers were thought to be due to Malaria“ (Jacoby, Xew York Med. Journ., 1903, p. 735). Erst den Erfahrungen ungefähr der letzten zehn Jahre, begründet auf einer allseitig unendlich gesteigerten Tätigkeit auf dem Erforsehungsgebiete der Tropenkrankheiten, ist das Durchdringen der Wahrheit zu verdanken.
Geographische Verbreitung.
Der Abdominaltyphus ist im vollsten Sinne des Wortes eine ubiquitäre Krankheit ; wie er überall in den gemäßigten Zonen, selbst bis an die Grenzen des arktischen Gebietes (Island und Färöer) vorkommt, so fehlt er auch in keinem Gebiete der Tropen und Subtropen. Hirsch hat das schon genügend gesagt und mit Literaturbeweisen belegt. Aus neuester Zeit liegen aus folgenden warmen Ländern positive Beobachtungen vor: Algier (Cresrin), Dakar, Senegal (Clarac),