Die Stechmücken.
59
Sämtliche Beine werden unabhängig von der Bewegung des Gesamtkörpers entwickelt; sie werden paarweise, alternierend 1 ) und in sehr kleinen Absätzen aus ihren Scheiden hervorgezogen.
Zuletzt werden die Flügelspitzen und das Leibesende frei.
Der ganze Vorgang spielt sich in wenigen Minuten ab.
Das fertige Insekt entsteigt fast farblos, durchscheinend und stark gebläht der schwimmenden Puppenhülle, um nach einigen Stunden seine bleibende Farbe und Form anzunehmen.
Höchst interessante Resultate ergibt das Studium der treibenden Kräfte beim Vorgänge des Ausschlüpfens.
Zunächst wird, wie schon oben bemerkt der vorher dem Mückenkörper fest anliegende Puppenbalg durch eine aus den Stigmen der Imago ausgepreßte Luftschicht abgehoben und ad maximum gedehnt; die vorher dunkle Puppe wird silberglänzend. Der zunehmende Druck in der Puppenhülle macht dieselbe an ihrer schwächsten Stelle über dem Thorax bersten und zerreißt zugleich die Verbindung der Atmungshörner mit dem Trachnensystem der Mücke.
Jetzt steht die dem Mückenleib umspülende Luftschicht mit der äußeren Atmosphäre in direkter Verbindung und sofort beginnt das Tier große Mengen Luft zu verschlucken.
Hierdurch wird das Volumen der Mücke bedeutend vergrößert, die Puppenhülle kann sie nicht mehr fassen und drängt den an Länge beträchtlich zunehmenden Körper ein gutes Stück durch den über dem Thorax entstandenen Spalt schon zu einer Zeit hinaus, wo das hintere Leibesende noch genau an derselben Stelle verharrt, an der es sich während der Zeit der Puppenruhe befunden hatte. Das Abdomen verliert durch das Luftschlucken seine Schlaffheit, es wird gesteift wie ein aufgeblasenes Darmstück und nimmtproximalwärts kontinuierlich an Umfangzu. Die so zustande kommende Kegelform des Leibes läßt ihn in dem endwärts enger werdenden Puppenbalge vorwärts gleiten, und diese Bewegung braucht unter normalen Verhältnissen kaum von der Bauchmuskulatur unterstützt zu werden.
Das spezifische Gewicht des Tieres wird durch die Aufnahme großer Mengen von Luft beträchtlich verringert, ein Umstand, der ebenso wichtig für die ausschlüpfende, als für die eben ausgeschlüpfte Imago ist.
Biologie.
Die Stechmücken gehören zu den verbreitetsten Zweiflüglern. Vom Äquator bis über den 70. Breitengrad der nördlichen und den 50. Breitengrad der südlichen Halbkugel treffen wir sie in allen Weltteilen und das ganze Jahr hindurch an. Die Zahl der Gattungen und Arten nimmt gegen die Polarkreise zwar stetig ab, die Individuenzahl aber kann in den höchsten Breiten noch eine ganz ungeheure sein.
Wegen ihres geringen Flugvermögens sind die Tiere mehr oder weniger an ihre Brutstätten gebunden. In ausgedehnten Wüstengebieten, auf vegetationslosen, trockenen und windigen Höhen wird die Stechmücke niemals angetroffen werden. Sie bevorzugt feuchte, windgeschützte, mit AVald und Buschwerk bestandene Täler, welche zahlreiche Brutplätze für ihre ersten Stände bergen. In ausgedehnten Bergwäldern und auf Hochebenen jedoch kann sie sogar in unseren Breiten noch in ganz beträchtlichen Höhen Vorkommen (bis zu 1000 m und darüber).
1 ) Fs geschieht dies jedenfalls, weil so das Gleichgewicht am wenigsten gestört wird. Würde z. B. zuerst das linke vollständig hervorgezogen, während das rechte vorläufig in seiner Lage verharrte, so müßte der Mückenleib stark nach rechts ausweichen und der Schwerpunkt damit erheblich verlegt werden ein Überkippen nach rechts könnte in diesem Falle leicht eintreten.