Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
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Aphthae tropicae.

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Stuhls verantwortlich zu machen sind. Außerdem vergesse man nicht, daß nicht anzunehmen ist, daß Aphthaeleidende etwa Immunität gegen irgend eine jener Krank­heiten besitzen, und man versäume deshalb niemals, die Möglichkeit des Vorhanden­seins einer solchen Komplikation in Erwägung zu ziehen.

Behandlung.

Diese umfaßt die allgemein hygienische, die diätetische und erst an letzter Stelle die medikamentöse Therapie.

Unter den hygienischen Maßnahmen nimmt die Verordnung körperlicher und geistiger Ruhe die erste Stelle ein. Wie strenge dieselbe durchgeführt werden muß, hängt selbstverständlich von der Schwere und der Eigenart jedes einzelnen Falles ab. Sehr heruntergekommene Kranken gehören, auch wenn die Krankheitserscheinungen sonst zurzeit nicht drohend erscheinen, ins Bett; ebenso diejenigen Kranken, welche schwer zu beseitigende Diarrhöe haben, unabhängig da­von, wie ihr Allgemeinzustand sei. Doch ist hierbei schon wieder zu berücksich­tigen, daß Personen in hohem Alter lange dauernde Bettruhe nicht immer gut ver­tragen, so daß in dieser Hinsicht nicht nach im voraus bestimmten Regeln vor­gegangen, sondern immer strenge individualisiert werden muß.

Ist man nicht sicher, daß die Vorschriften im eigenen Hause pünktlich be­folgt werden, so sei die Forderung der Verpflegung in einem Krankenhaus eine unabweisbare Bedingung für die Übernahme der Behandlung. Kranke mit leichten Erscheinungen können ambulant behandelt werden. Ihnen darf mäßige körperliche Bewegung in der freien Luft bei schönem Wetter gestattet werden. Sie sollten jedoch warme wollene Unterkleider und wollene Strümpfe tragen und sich vor jeder Erkältung ängstlich hüten.

Uber die diätetische Behandlung der Aphthae tropicae stehen die herrschenden Ansichten einander z. T. noch schroff gegenüber.

Während die Mehrzahl der französischen und englischen Autoren bei der Behandlung der Diarrhoea alba (einschließlich der dazu gerechneten Aphthae tropicae) der absoluten Milchdiät aufs wärmste das Wort redet, und ein­zelne, wie Fayrer und Thin, so weit gehen, daß sie ohne dieselbe kaum an die Mög­lichkeit einer Heilung glauben, verwirft ein nicht weniger zu verläßlicher Autor wie van der Burg die Milch in der Behandlung des Leidens gänzlich und plaidiert zu­gunsten einer aus leicht verdaulichen Kohlehydraten und Fleischarten zusammen­gesetzten Diät, wobei er allerdings schon im Beginn der Behandlung seinen Patienten gewöhnlich einen reichlichen Genuß von Früchten gestattet.

Meiner eigenen Ansicht nach, welche sich auf die bei Behandlung einer An­zahl von Kranken nach beiden Prinzipien gemachten Erfahrungen stützt, ist so­wohl der von der einen, als der von der anderen Seite vertretene Standpunkt zu exklusiv gewählt. Gewiß hat die Durchführung der absoluten Milchdiät in einem Teil meiner Fälle überraschende Resultate geliefert; doch hat es andererseits auch nicht an Fällen gefehlt, wo die betreffenden Kranken infolge einer zu strengen Durchführung einer solchen Diät nicht gebessert und aufs äußerste herunter­gekommen waren und sich dennoch nach einer nach van der Burgs Ratschlägen modifizierten Behandlungsweise innerhalb kurzer Zeit glänzend erholten. Endlich verfüge ich über einen in dieser Hinsicht überaus belehrenden Fall, wo gelegentlich eines Recidives die Behandlung mit Milch rasch zum Ziele führte, als die andere im Stich gelassen hatte, bei einem ein Jahr später erfolgenden Recidiv aber gerade das Umgekehrte beobachtet wurde und eine Heilung erst eintrat, als die ehemals

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