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A. VAN DER SciIEER.
Kranklieitssymptom ist und bleibt, Avelches alle anderen Erscheinungen als untergeordnet in den Hintergrund drängt. Bei den, als Aphtliae tropicae, Spruw, Sprue oder Sprew, Ceylon sore moutli, Psilosis linguae et intestinarum beschriebenen Krankheitsfällen hingegen wird das Symptom der weißen Diarrhöe bisweilen schon im Anfänge, stets aber auf der Höhe der Krankheit von entzündlichen Veränderungen der Schleimhaut der Zunge und der übrigen Mundhöhle begleitet, welche objektiv so charakteristisch sind und dem Patienten subjektiv in dem Maße belästigen, daß die Nomenklatur der Krankheit von ihnen völlig beherrscht wird.
Ferner scheint, während in verschiedenen tropischen Gegenden sowohl die Diarrhoea alba (sensu strictiori) als die Aphtliae tropicae angetroffen werden, in anderen, so weit aus der Literatur ersichtlich, die Diarrhoea alba wohl, die Aphtliae tropicae dagegen nicht vorzukommen. Diese zwei l mstände sind es, weshalb einzelne Autoren, worunter Tiiin an erster Stelle genannt werden soll, die Identität beider Krankheiten bezweifeln, ein Standpunkt, den die holländischen Arzte ebenfalls einzunehmen scheinen, wenigstens gedenken sie bei ihren Darstellungen der Aphtliae tropicae der Formen von reiner Diarrhoea alba nicht oder nur ausnahmsweise.
Wenn wir also am Ende dieser einleitenden Bemerkungen die Grenzen unserer Aufgabe, für dieses Handbuch hauptsächlich eine Bearbeitung der Aphtliae tropicae zu liefern, abstecken, so kommen wir zu dem Ergebnis, daß wir uns in erster Linie mit den Krankheitsbildern zu beschäftigen haben, wie sie in ihren mit Zungenerscheinungen komplizierten Formen unter diesem Namen gekennzeichnet sind. Wir werden aber im Auge halten müssen, daß es eine offene Frage ist, ob nicht auch andere Formen der Diarrhoea alba genetisch mit ihnen in engem Zusammenhang stehen, und werden deshalb auch letztere in kurzen Zügen innerhalb des Kähmens der folgenden Schilderung aufnehmen.
Geographische Verbreitung und Geschichte.
Während die Diarrhoea alba in fast allen tropischen Gegenden angetroffen wird, ist, so weit bekannt, das Vorkommen von Aphtliae tropicae nur an beschränkte Teile der Tropenzone gebunden.
Die ältesten zuverlässigen Berichte hierüber datieren von Hillary, der in 17GG zum ersten Mal eine auf Barbados und einigen anderen westindischen Inseln vorkommende, endemische, bisweilen jahrelange dauernde Krankheit beschrieb, welche von entzündlichen Erscheinungen der Mundhöhle, die denjenigen der Aphtliae tropicae vollkommen ähneln, begleitet war. Dieselben wechselten mit krankhaften Erscheinungen seitens des Ösophagus und Magens (brennende Hitze, Ructus, bisweilen Erbrechen saurer Massen) und Diarrhöe ab. Indem die Punkte hervorgehoben werden, worin die Krankheit sich von der gewöhnlichen Aphtliae unterscheidet, schlägt der Autor vor, dieselbe als Aphthoi'des chronica oder Impetigo primarum viarum zu nennen.
Später (1843) wurde von Sciioruenberg auf Haiti und Portorico eine ähnliche Krankheit unter dem Namen Indische Spruw beschrieben.
Auch er legte Nachdruck auf den instabilen Charakter der Zungenerscheinungen, welche mit dem Auftreten der Diarrhöe zeitweise verschwinden können. Obgleich die Krankheit in dieser Hinsicht wirklich an Aphtliae tropicae erinnert, so ist es immerhin auffallend, daß in keiner von den genannten Beschreibungen auch nur mit einem Worte die von anderen Autoren als charakteristisch Gezeichnete weiße Beschaffenheit der Stuhlentleerungen erwähnt worden ist, eine Lücke, welche der absoluten Identifizierung beider Krankheiten hemmend im Wege steht.
Aus neuerer Zeit liegen keine, mir bekannte, ausführliche Nachrichten über ihr Vor-