Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1906)
Entstehung
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Amöbenruhr.

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der Leberabszeß waren. Außerdem kann die Ruhr und namentlich die Amöbenruhr längere Zeit bestehen, ohne dysenterische Symptome hervorzurufen. Dann geht er auf die Frage der Art der mit Leberabszessen komplizierten Ruhr ein und gibt an, daß er in 35 unter 37 Leberabszessen Amöben 1 ) fand. (Die beiden Abszesse, in deren Wandungen er aber keine Amöben fand, waren bereits 12 Tage vor der Untersuchung eröffnet worden.) Es muß also die Am oben rühr die Leber- abzesse hervorrufen. Umgekehrt kommt der Leberabszeß in Indien ohne Ver­bindung mit Amöbenruhr sehr selten vor. Auch das zeitliche Auftreten des Leberabszesses spricht für Abhängigkeit von der Amöbenruhr. Denn Leberabszesse kommen ebenso wie die Amöbenruhr über das ganze Jahr zerstreut hin vor und zeigen kein zeitliches Ab- und Zunehmen wie die Bazillenruhr, die ihr Maximum wie die Malaria während und nach der Regenzeit hat. Wäre also die Bazillen rühr die Ursache der Leberabszesse, so müßten diese ebenfalls während der genannten Zeit oder bald hinterher ein Maximum aufweisen, was aber nicht der Fall ist. Hingegen kommen die kleinen multiplen pyämischen Abszesse, die sich im Anschluß an schwere Fälle von Bazillenruhr entwickeln, sehr viel häufiger in der zweiten Hälfte des Jahres zur Beobachtung, also zur Zeit der hohen Bazillenruhrmorbidität. Andererseits fehlen in den indischen Gefängnissen, in denen die Ruhr ziemlich häufig ist und zwar die Bazillenruhr wie Buchanan 1901 gezeigt hat, die Leberabszesse so gut wie vollständig.

Auch darüber, wie die Ruhramöben in die Leber gelangen, spricht sich Rogers aus. Durch die Pfortader dürften sie nicht eingeführt werden. Denn dann müßte man zahlreiche größere und kleinere Abszesse in allen Gegenden der Leber finden, wie das bei den pyämischen Abszessen der Fall ist.

Eine Einwanderung auf dem Wege der Lymphbahnen lehnten Councilman und Lafleur deshalb ab, weil sie niemals in den Lymphdrüsen, die allerdings ge­schwollen waren, Amöben finden konnten.

Die meist oberflächliche Lage der Amöbenabszesse, ihre vorwiegende Ein zahl die Bevorzugung des rechten Laberlappens sprechen für eine direkte Einwanderung von der Flexura hepatica des Darmes her. Nach dem, was wir über das Eindringen der Amöben in die Darmwand wissen, muß diese Annahme als sehr wahrscheinlich bezeichnet werden. Bemerkenswert ist auch, daß sich die Abszesse häufig in der Gegend des Ansatzes des Aufhängebandes entwickeln, wie die syphilitischen Neu­bildungen, und daß also diese Gegend der Leber als ein Locus minoris resistentiae angesehen werden kann, wohl wegen der Zerrungen, denen an dieser Stelle das Lebergewebe ausgesetzt ist.

Behandlung.

a) Akutes Stadium. Die Behandlung jeder Art von Amöbenruhr ist beinahe ebenso undankbar wie diejenige der chronischen Bazillenruhr, und doch wäre gerade bei der Amöbenruhr ein erfolgreiches Angreifen der Amöben eine gebieterische Notwendigkeit. Denn wenn wir erst einmal imstande sein werden, diese Schmarotzer in entsprechender Weise zu vernichten, wird auch die Zahl der Leberabszesse in den Tropen bedeutend zurückgehen. Bis jetzt sind wir wohl imstande, Besserungen zu erzielen. Es ist aber leider noch nicht gelungen, die Amöben auf die Dauer zu vernichten. Neben reizloser Diät (siehe Kapitel Bazillenruhr) kommen als Medika-

0 Es wurden allerdings auch Staphylokokken imd andere pyogene Bakterien in den Abszessen gefunden, aber mit wenig Ausnahmen nur dann, wenn die Abszesse schon längere Zeit eröffnet waren oder bei gangränöser Amöbenruhr.

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