I. Kaiser Wilhelmsland.
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Der Paradiesvogel.*)
Im Gegensatz zur Säugetierwelt ist die Vogelwelt bis zu paradiesischer Vollkommenheit entwickelt. Die über 60 Arten von Paradies?- vögeln, welche die Insel beleben und auf der ganzen Welt ausschließlich in Neu-Gninea vorkommen (nicht einmal in dem nahen Bis.marck- Archipcl), sind etwas so Wunderbares, daß man schwerlich eine Erklärung dafür finden wird, weshalb gerade hier das Gefieder sich zu so idealer Schönheit entwickelte. Ein bis zwei dieser Arten ließe man sich gefallen; sie könnten durch zufällige Zuchtwahl entstanden sein. Aber gleich weit mehr als ein halbes Hundert, und dieselben in jeder Beziehung derart verschieden, daß die abweichendsten Urformen zugrunde liegen müssen! Was sonst nirgends in der Welt vorkommt: ein vollkommen blauer Vogel! Man darf die wunderbare Zartheit des sammetweichen Gefieders nicht nach den starren Mumien und ausgestopften Bälgen beurteilen. Der frisch geschossene Vogel — einen lebenden bekommt man so gut wie niemals in die Hand — steht in bezug auf Leuchtkraft der Farben und Weichheit des Gefieders unglaublich hoch. Der bunte Papagei ist ein Farbenkleckser, der Paradiesvogel ein Farbenkünstler. Bei letzterem wird man nie schreiende Farben nebeneinander finden, wie sie so trefflich zum sonstigen Geschrei der Papageien passen; vielmehr ist bei ihm alles harmonisch abgestimmt und die besonders auf den Brustschilden häufig vorkommenden Schillerfarben, welche sich mit dem Winkel ändern, unter dem man das Gefieder betrachtet, verleihen dem Ganzen höchste Lebendigkeit.
Der arme König unter den Vögeln! Er muß sein Leben lassen, weil die Modepuppe auf der Promenade zeigen will, daß sie für den Hntputz mehr auszugeben vermag als ihre Konkurrentin.
Die Paradiesvögel wären schon längst ausgerottet, wenn nicht der Schöpfer lediglich die Männchen mit diesen: herrlichen Kleide beschenkt hätte, welches zudem nur während der Balzzeit den höchsten Gipfel der Vollkommenheit besitzt. Den Weibchen, welche an Einfachheit des Gefieders nichts zu wünschen übrig lassen, wird nicht nachgestellt, und sie können vorläufig die Art erhalten — vorläufig; denn wenn es mit dem Morden so fortgeht, werden über kurz oder lang alle Männchen abgeschossen sein. Schon sind einzelne Küstenstriche gelichtet, und die Tiere sangen an, sich in das Innere zurückzuziehen. Dies kann aber nur in bescheidenen Grenzen geschehen; denn viele Arten kommen nur in räumlich beschränkten Gebieten vor; offenbar finden sie nur hier die ihnen und ihrem Gefieder zusagenden Lebensbedingungen. So verlangt z. B.
*) Pros. Dr. med. R. Neuhauß: „Deutsch Neuguinea." Bd- I. S. 487 bis 488. Berlin 1911. Mit gütiger Erlaubnis des Verlages Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin.
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