202
0. Die deutschen Schutzgebiete in der Südsee.
Im übrigen unterscheidet sich die Bevölkerung der kleinen Neben- inseln nicht allzuviel von der der Hauptinsel, im allgemeinen nicht mehr als die Küstenbewohner von den Bergbewohnern; allerdings verfügt die Bergbevölkerung von Kaiser Wilhelmsland über stärkere Beinmuskeln und einen kräftiger entwickelten Unterkörper als die Strandbevölkerung, deren Arme und Oberkörper dagegen durch die Bewegung des Nuderns «lehr entwickelt sind. Ferner haben ohne Frage in reichen Kopra- und Sago-Bezirken die gut genährten Papuas ein besseres Aussehen als die Bevölkerung, welche in Gegenden wohnt, wo der Boden mit Kasuarinen bestanden und weite Flächen mit Alang-Alang bewachsen sind.
Die geistigen Fähigkeiten der Papuas.
Die größte Unkenntnis herrscht noch jetzt über die „am tiefsten stehende Rasse", die Australier. Von Missionaren, die jahrelang unter ihnen wirkten, höre ich, daß die Australierkinder gute Auffassungsgabe haben und erstaunlich schnell Lesen und Schreiben lernen. Genau so liegen die Verhältnisse bei den Eingeborenen von Neu-Guinea, nur insofern noch erheblich günstiger, als bei ihnen nicht der unbezähmbare, den Australiern innewohnende Wandertrieb die geistige Ausbildung ungünstig beeinflußt.
Die Papuakinder lernen durchschnittlich in einem Jahr Lesen und Schreiben. Dabei entwickeln sie so großen Lerneifer, daß ich sie oftmals noch lange nach beendetem Schulunterrichte herumbuchstabieren hörte. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß keinerlei Schulzwang besteht und auch die Eltern auf die Kinder kaum irgendwelchen Einfluß haben. Die Kinder kommen also durchaus freiwillig oft weite Wege zur Schule. Ich ging als Kind in meinem Heimatdorfe unweit Berlin in die Dorfschule und weiß aus eigenster Erfahrung, daß all diese Dinge bei uns ganz anders liegen, aber nicht etwa besser wie in Neu-Guinea.
Der Papuaknabe, welchen Reichskommissar Rose nach Berlin brachte, lernte in kurzer Zeit deutsch sprechen und spricht diese Sprache auch heute noch, obgleich er seit anderthalb Jahrzehnten wieder als „Wilder" in seiner Heimat lebt.
Auch erwachsene Leute zeigen sich mitunter lernbegierig und kommen zum Unterricht. Ein schon seit Jahren verheirateter Bukaua-Mann kam täglich zum Missionar in Privatstunde und machte im Lesen und Schreiben gute Fortschritte. Er tat dies lediglich, weil er meinte, es sei eine Schande, daß kleine Kinder lesen und schreiben können, er aber nicht. Allerdings sind solche Fälle die Ausnahme. Das leichte
i) Pros. Dr. med. R. Neuhauß: „Deutsch-Neuguinea." Bd.I. S- 112 bis 117. Berlin 1911. Mit gütiger Erlaubnis des Verlages Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin.