Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Eftirito Santo. 1Z7
6. Der Charakter der Kolonistenbevölkerung und seine Akklimatisation.
Die vorstehende Szene, die Graya Aranha — nicht ohne warmes Mitgefühl für die Kolonisten — dem Leben, soweit ich beurteilen kann, wahrheitsgemäß nachgedichtet hat, interessiert auch insofern, als sie einige wesentliche Charakterzüge des deutschen Urwaldbauern wiedergibt, dessen Verhalten gegenüber der sittlich unter ihm stehenden, aber gewandteren Rasse schwerfällig, sklavisch, beschränkt erscheint. Dieses Auftreten hat nicht wenig dazu beigetragen, daß das deutsche Volk sich sogar in den urteilsfähigeren Kreisen Brasiliens — vom übrigen Südamerika ließe sich Ähnliches sagen — keines sehr großen Ansehens erfreut. Bei der Überschätzung des Äußerlichen durch die selber äußerliche und oberflächliche einheimische Bevölkerung kann von ihr die Ordnungsliebe, die Gründlichkeit, der Fleiß, die Gemütstiefe, der religiöse Sinn des Deutschen nicht richtig gewürdigt werden, ja, wird als eine Art unangenehmer Streüerei mit Haß und Argwohn betrachtet und, wenn irgend möglich, ausgebeutet.
Es ist merkwürdig, wie wenig sich der Charakter des deutschen Kolonistenvölkchens von den neuen Verhältnissen, von der fremdartigen Umgebung hat beeinflussen lassen. Im allgemeinen haben die Pommern und die anderen deutschen Stammesangehörigen, die nach Espirito Santo gekommen sind, ihr altes Wesen bewahrt.
Ihr Temperament jedenfalls ist in der tropischen Sonne und der Lust des Waldgebirges kaum anders geworden. Daß die Einwirkung des intensiveren Lichtes sie lebhafter oder die Milde und Gleichmäßigkeit der Temperatur sie apathischer gemacht hätte, läßt sich schwerlich behaupten. Sollten die beiden Faktoren sich gegenseitig aufheben?
Solange der Branntwein die Geister nicht weckt und berauscht, spielen sich die Festlichkeiten in gemessener Ruhe ab. Es wird viel und ausdauernd getanzt, aber die Paare drehen sich bei den einförmigen, an Negermusik erinnernden Weisen einer Ziehharmonika scheinbar vollkommen gleichgültig. Wenn auch das Klima die sexuelle Reife schneller herbeiführt, wenn es vielleicht auch die Sinnlichkeit stärker anfacht — die Leidenschaften hat es nicht geschürt. Eher ernster und stiller scheint die Bevölkerung geworden zu sein.
Die alte Ruhe und Bedächtigkeit ist den Pommern also geblieben. Und damit auch die alte Gewissenhaftigkeit, die Pflichttreue, Redlich-