Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santo. 119
Mädchen Von der Wirtschaft nichts verstehen," werden die älteren bevorzugt.
Die Auswahl ist auf beiden Seiten sowiesv recht begrenzt bei der ziemlich geringen Zahl der deutschen Ansiedler, und sie wird durch die konfessionelle Scheidung noch weiter beschränkt. Die geringe Dichtigkeit der Bevölkerung bringt es ferner mit sich, daß von den 12 000 bis 13 000 Protestanten immer nur ein kleiner Teil miteinander überhaupt in Berührung tritt. Die Bittarbeit, der Gottesdienst, der Venden- besuch, Hochzeiten und Taufen, also nur die nachbarschaftlichen Beziehungen sind die Grundlage jeder Bekanntschaft. So kommt es, daß die Ehen fast immer zwischen Personen eines und desselben Bezirks geschlossen werden. Sehr oft heiraten sich gerade die Kinder der nächsten Nachbarn. Ehen zwischen nahen Verwandten scheinen freilich kaum vorzukommen.
Immerhin ist die Gefahr der Inzucht vorhanden, zumal die Kolonisten schon seit Jahrzehnten keinen nennenswerten Zuzug von außen erhalten haben. Ob diese Gefahr durch die geringe Differenziertheit der Individuen vergrößert oder verringert wird, entzieht sich meiner Beurteilung. Vorläufig tritt sie jedenfalls nicht unmittelbar in die Erscheinung.
Neuntes Kapitel.
Bildung und Charakter.
1. Allgemeines.
Dem gering entwickelten wirtschaftlichen Verkehr im deutschen Siedlungsgebiet von Espirito Santo entspricht auch die geistige Abgeschiedenheit, in der die Kolonisten leben. Ihr Sinnen und Trachten, ihr Denken und Fühlen bildet eine winzige Welt für sich, in der sich aller Fortschritt nur unendlich langsam vollzieht, in der sogar manche Rückbildung eingetreten ist.
Das geistige Rüstzeug, welches die Einwanderer vor Jahrzehnten aus Europa mit sich brachten — es war, was wir nicht außer acht lassen dürfen, nur dasjenige des damaligen deutschen Tagelöhners — ist das alte geblieben, soweit es nicht in manchen Stücken überhaupt eingerostet ist. Was die deutschen Kolonisten der neuen Umgebung entlehnt haben, beschränkt sich auf die äußere Lebensführung, denn die meisten haben