Teil eines Werkes 
Teil 5 (1915) Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santo / von Ernst Wagemann
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Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santo. 127

Einen Anhalt dafür, wie viele der Kolonisten gegenwärtig An­alphabeten sind, haben wir in der Zahl der Abonnenten auf kirchliche Sonntagsblätter. In Jequitibä waren es im Jahre 1912: 95 Familien, d. h. etwas über 20 o/o der Gemeindemitglieder, in Santa Leopoldina 30 Familien, ebenfalls 20 o/o, und in Santa Joanna 70 Familien, d. h. mehr als 25 o/o, in Santa Maria 1911: 82, also fast 25 o/o der Gemeinde­mitglieder. Im großen Durchschnitt wird ein Viertel bis ein Fünftel der protestantischen Kolonisten auf ein Sonntagsblatt abonniert sein, das, wie hinzugesetzt werden muß, durchweg auch wirklich gelesen wird. Da andere Lektüre wenig in Betracht kommt, so können wir daraus schließen, daß sich weit mehr als die Hälfte der Erwachsenen überhaupt keiner Lektüre widmet. Es ist freilich nicht gesagt, daß diese darum überhaupt nicht lesen und schreiben können. Wohl viele sind wenig­stens imstande, den gedruckten Text der halb auswendig gelernten Bibel­sprüche und Gesangbuchverse ungefähr zu erraten.

4. Die Kolonistensprache.

Die Landessprache ein mit ziemlich vielen Brasilianismen unter­mengtes Portugiesisch haben die deutschen Kolonisten, wenigstens die Protestanten, im allgemeinen nicht erlernt, obwohl sie ja schon seit drei Generationen in der neuen Heimat leben. Unter den Katho­liken gibt es freilich heute schon recht viele, die sich im Portugiesischen verständigen können, zumal die katholischen deutschen Pfarrer, die auch aus die einheimische Bevölkerung Rücksicht nehmen müssen, ihre Pre­digten erst in der Landessprache und im Anschluß daran auf deutsch halten.

Die große Masse der Kolonisten, die ja aus Hinterpommern stammt, ist bei ihrem alten Platt geblieben. Sehr viele unter ihnen sind kaum imstande, daneben hochdeutsch zu sprechen. Die Sachsen und Schweizer haben gleichfalls ihren Dialekt behauptet; doch wissen diese sich fast alle gleichzeitig im Hochdeutschen verständlich auszudrücken. Die holländischen Kolonisten haben einigermaßen das Deutsche erlernt.

Von der Landessprache haben die Kolonisten eine ganze Reihe meist technischer Ausdrücke übernommen und sich mundgerecht gemacht. Sie mögen oft sogar schon vergessen haben, daß es sich dabei um Fremd­wörter handelt. Im folgenden wollen wir versuchen, diese wieder-