106
Dr. Ernst Wagemann.
schleunigt werden. Der Tote wird in seinen Festtagskleidern in den Sarg gelegt, der übrigens erst geschlossen wird, nachdem der Pfarrer die Andacht gehalten hat und die Leidtragenden an den Verstorbenen herangetreten sind, um ihm zum letzten Male die Hand zu drücken.
Wie sich der Leichenzug — voran der rohgezimmerte Sarg, den Angehörige oder Freunde des Toten auf den Schultern tragen -- den schmalen Saumpfad entlang, von den Baumriesen des dunklen Waldes gewaltig überragt, zur letzten Ruhestätte hin bewegt, gehört zu den eindrucksvollsten Szenen des Kolonistenlebens.
Achtes Kapitel.
Die gesundheitlichen Verhältnisse.
1. Der Gesundheitszustand einst und jetzt.
Für die ältere Zeit liefert uns ein einigermaßen brauchbares Material über den Gesundheitszustand das Kirchenbuch von Campinho. Zunächst sehen wir, daß bis zum Jahre 1860 auf 73 Geburten 34 Todesfälle, im Jahrzehnt 1901/10 dagegen auf 731 Geburten nur 127 Todesfälle kamen (s. Kapitel III, 2). Früher räumten Malaria, Gelbes Fieber, Typhus, Dysenterie, Wurmkrankheit (OMuyZo) unter den Ansiedlern auf. Viele Frauen starben im Wochenbett. Schlangenbisse und Unglücksfälle beim Waldschlag kamen als Todesursache hinzu.
Die so günstige Verschiebung des Verhältnisses zwischen Geburten und Sterbefällen erklärt sich teilweise damit, daß sich die wirtschaftlichen Verhältnisse gebessert haben, die Entbehrungen geringer und die Arbeit leichter geworden, teilweise Wohl auch damit, daß mit dem Zurücktreten der Wälder das Klima an Feuchtigkeit verloren hat, während die Mücken und sonstiges krankheitübertragendes Ungeziefer mehr und mehr verschwunden sind. Die zunehmende Anpassung an das Klima und die übrigen Verhältnisse wird auch wesentlich dabei mitgespielt haben: die im Lande Geborenen sind, wie man annehmen muß, weniger empfindlich gegen gewisse schädliche Einflüsse. Man braucht nur darauf hinzuweisen, wie schwer es den ersten Kolonisten gefallen ist, sich an das brasilianische Nationalgericht, Bohnen mit Manniok- mehl, zu gewöhnen.