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Dr. Ernst Wagemann.
hygienischem Gebiete aufgerechnet werden müssen. Überdies ist auch in > Betracht zu ziehen, daß die Bevölkerung gar nicht unter Geschlechtskrankheiten und deren Folgen zu leiden hat.
Wie sehr wir aber auch nach verschiedenen Gründen für die überaus , günstigen Gesundheitsverhältnisse suchen, wir werden fast mit Gewalt darauf hingewiesen, daß sie sich vollständig nur mit dem Klima erklären lassen.
5. Der Einfluß des Klimas.
Jedenfalls dürften wenige Gebiete der Erde der menschlichen Gesundheit zuträglicher sein als die Bergwälder von Espirito Santo, wo die Tageshitze nicht übermäßig feucht ist, und die Nächte meist kühl sind, und wo im Winter recht frische Regenperioden einen wohltätigen Ausgleich für die schwülen Wochen der Sommerzeit schaffen.
Die Gunst des Klimas wird schon durch das Aussehen der deutschen Landesbewohner bestätigt.
Die Kinder sind frisch im Wesen und gut gewachsen. Die Gesichtsfarbe ist vielleicht etwas dunkler und weniger rosig als die unserer Bauernjungen und -mädchen, aber keineswegs ungesund.
Bei den Männern ist zweifellos in Körperhaltung, Wuchs und Gesichtsausdruck eine Annäherung an brasilianische Art zu beobachten. Lamberg gibt durchaus nicht den Typus des Kolonisten in Espirito Santo wieder, wenn er von den mammutähnlichen Knochen der dortigen Pommern spricht^. Sie sind vielmehr hager und schmal von Wuchs, vielleicht auch kleiner als ihre Väter, doch sind es sehnige und kräftige Gestalten. Ihre körperliche Leistungsfähigkeit ist schwerlich geringer. Dortzulande suchen manche dieses Ausderartschlagen mit dem Branntweingenuß und dem starken Rauchen der jungen Burschen zu erklären.
Mit mehr Recht vielleicht wird man darin eine Anpassung an das Land, an die Arbeit im Urwald, an die besondere Ernährung sehen dürfen.
Allerdings haben anderseits die Kolonistenmädchen nichts von der lässigen Grazie und Zierlichkeit der Brasilianerinnen angenommen, was ich jedoch darauf zurückführen möchte, daß sie sich nicht wie diese dem Nichtstun ergeben haben, sondern Seite an Seite mit den Männern auch schwere Landarbeit verrichten. Sie sind jedenfalls mindestens so stämmig und kräftig geblieben, wie ihre Mütter und Großmütter es
5 Lamberg, S. 219. — Nocht, Stand der Akklimatisationsfrage, Verh. des deutschen Kolonialkongresses 1910, S. 287. — Vgl. Wernicke, S. 108.