Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santa. 105
hatte; doch pflegen sich die jungen Leute, die das Amt des Hochzeits- bitters übernommen, der Wichtigkeit und Würde desselben entsprechend zu Verhalten. Ist eine weibliche Person eingeladen, so nimmt sie alsbald ein schönes buntes Kopstuch und steckt's dem Hochzeitsbilder mit einem Zipfel auf einer Schulter fest, daß es lang über dem Rücken hängt. Mit seinem schwarzen buntbebänderten Schlapphut und der Menge vielfarbiger Tücher auf bekränztem Maultier sitzend, sieht der junge Bursche in der Tat malerisch aus^."
Der sich an die kirchliche Trauung anschließende Schmaus mit nachfolgendem Tanz findet im Elternhause der Braut statt, das zur Feier des Tages mit Palmiten und Blumen reich geschmückt wird. Zwischendurch wird nach brasilianischer Sitte am hellen Tage ein lebhaftes Raketenfeuer veranstaltet, das die auf dem Hofe angebundenen Reittiere natürlich in die größte Aufregung bringt.
Die Gründung einer Familie bedeutet im allgemeinen auch die Gründung eines neuen Kolonistenhofes. Gewöhnlich erhalten die Söhne schon im Kindesalter ihr Land, das die Familie alsbald langsam zu bearbeiten beginnt. Es kommt auch vor, daß der Vater dem erwachsenen Sohne eine vollständig eingerichtete Kolonie kaust. Jedenfalls betrachtet man es als eine der wichtigsten Elterirpslichten, die Söhne mit Land auszustatten. Die Frau bringt in die Ehe als Mitgift außer ihrer Arbeitskraft (die für den Kolonisten die Hauptsache ist) gewöhnlich eine Kuh, welche schon als Kalb ihr zugesprochen war, zuweilen sogar auch ein Pferd samt Sattel oder doch den Sattel allein, ferner ein Federbett, eine Truhe mit Kleidung und Wäsche, eine Nähmaschine, Küchengerät und Geschirr. Bargeld dagegen geben nur sehr wohlhabende Kolonisten ihren Töchtern mit.
6. Begräbnisbräuche.
Zu den Eigentümlichkeiten, die das Landschaftsbild des deutschen Siedlungsgebiets kennzeichnen, zählen die vielen kleinen Friedhöfe, die malerisch inmitten des schweigenden Urwaldes liegen. Ihre große Zahl ist die natürliche Folge der Siedlungsweise, der großen Entfernung der Gehöfte voneinander.
Die Bestattung Pflegt einen Tag nach dem Eintritt des Todes zu erfolgen; im Sommer muß sie der Hitze wegen oft noch mehr be-
- Wernicke, a. a. O. S. 129, 130.