Teil eines Werkes 
Teil 5 (1915) Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santo / von Ernst Wagemann
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Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santo. 75

Rechnung gestellt, wenn der Kakao in Victoria nach Europa verschifft wird.

Auch dem Anbau von Faserpflanzen winkt in Espirito Santo viel­leicht noch eine Zukunft. Im dortigen Urwald gedeiht jedenfalls die Agave vorzüglich; ebenso der Baumwollbaum, der besonders auf felsi­gem Untergrund vorkommt, wo sonst nichts wächst. Eine andere Faser­pflanze Carabichv wächst wild auf jeder Weide.

3. Der Kleinbetrieb.

Die deutschen Kolonistenhöfe in Espirito Santo sind ausnahmslos Kleinbetriebe. Der Kolonist ist Kleinbauer, der alle Arbeit allein mit seinen Familienangehörigen verrichten muß; nur bei dieser oder jener Gelegenheit nimmt er die Hilfe seiner Nachbarn in Anspruch, aber nur, soweit es sich um Aufgaben handelt, die von der einzelnen Familie nicht bewältigt werden können. Mit bezahlten Arbeitskräften arbeitet er so gut wie nie.

Es fragt sich nun, welches die Gründe dafür sind, daß in den deutschen Ansiedlungen von Espirito Santo der Kleinbetrieb herrscht, obwohl der Großbetrieb dem Kleinbetrieb beim Anbau des Kaffees mindestens gewachsen und bei der Aufbereitung sogar unbedingt über­legen ist. In SZo Paulo vollzieht sich der Kaffeebau ja auch durchweg auf großen Plantagen.

Daß die deutschen Einwanderer als Kleinbauern begonnen haben, erklärt sich leicht damit, daß sie auch in ihrer Heimat nichts anderes als Kleinbauern, wenn nicht gar nur Tagelöhner waren. Es fehlten ihnen also anfänglich die materiellen Mittel, sowie die geistigen Fähig­keiten zur Einrichtung und Leitung großer Betriebe. Was hat sie aber beim Kleinbetrieb verharren lassen?

Die Gründe sind zunächst psychologischer Art. Der deutsche Kolvuist eignet sich noch heute seiner geringen Bildung wegen im ganzen schlecht zum größeren Unternehmer, kaum zum Großbauern. Anderseits wird er unter seinesgleichen keine Tagelöhner finden, weil keiner es nötig hat, sich in fremden Dienst zu begeben und überdies jeder aufs höchste auf seine Selbständigkeit erpicht ist. Noch heute erinnern sich manche Pommern mit Grauen an die Zeit, wo sie Gutstagelöhner waren und in harter Fron standen. Zu dingende Arbeitskräfte würden sich also nur unter den Einheimischen, den Brasilianern, finden lassen. Aber auch unter diesen würden wenige bereit sein, sich für längere