Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santo. 43
Im Jahre 1913 waren, wie ich feststellen konnte, außer dem Pfarrer und einem Musiklehrer dort ansässig:
6 Händler (Vendisten), wovon einer zugleich Bäcker und einer zugleich Gastwirt war;
6 Handwerker (2 Sattler, 1 Schuster, 1 Klempner, 1 Zimmermann und Maurer, 1 Goldschmied);
2 Gastwirte, von denen einer zugleich Landwirt und übrigens ein mit einer Deutschen verheirateter Brasilianer war;
1 Bote, zugleich Steuereinnehmer;
1 Tagelöhner (Brasilianer);
1 Kolonist, wenige Minuten vom Orte wohnhaft.
Während Campinho nur von protestantischen Deutschen bewohnt wird (mit 1—2 Ausnahmen), leben in der dritten der zu erwähnenden Ortschaften, in Santa Jzabel, welche Sitz einer Munizipalkammer und einer katholischen Pfarre und Kirche ist, nur Katholiken, und zwar Brasilianer neben Deutschen, zusammen 200—300 Einwohner. Ihre Berufsangehörigkeit ist ähnlich wie in Campinho. Hier leben also ebensowenig wie dort deutsche Kolonisten, sondern fast nur Handwerker und Händler.
Als Dörfer könnte man sie demnach beide nicht bezeichnen, wenn man hierunter (mit Schmoller) versteht „das enge Zusammenwohnen von einer Anzahl Ackerbauer, Fischer, ländlicher Tagelöhner usw., die höchstens einige Handwerker und andere Elemente (Geistliche, Schullehrer, Krämer) unter sich haben".
Die deutschen Kolonisten sind alle ohne Ausnahme nach der Hof- verfassung angesiedelt, d. h. jede Kolonistenfamilie wohnt isoliert inmitten ihrer Weiden und Pflanzungen. Das Haus des nächsten Nachbarn pflegt eine viertel Reitstunde mehr oder weniger entfernt zu liegen.
Diese Tatsache ließe sich jedenfalls nicht für die Auffassung Meitzens ins Feld führen, nach welcher nicht die Einzelsiedlung, sondern das Dorfshstem dem germanischen Volkscharakter entspricht. Sie steht mehr im Einklang mit der älteren Vorstellung, wonach die Einzelhöfe das Ursprüngliche und daher immer da anzutreffen sind, wo keine besonderen Umstände vorliegen, wie die Notwendigkeit durch dichteres Zusammenwohnen die Verteidigung gegen äußere Feinde zu erleichtern. Vielleicht ergibt sich die Dorfverfassung auch da, wo Viehzucht und