Die deutschen Kolonisten im brasilianischen Staate Espirito Santa. 21
verbände lebt, auf höherer Kulturstufe steht als die Landbevölkerung von Espirito Santo, die in tatsächlich fast völliger Anarchie, in krasser Unwissenheit und kindischem Aberglauben dahinvegetiert, fern von den Einflüssen aller Kulturmächte und insbesondere der Staatsgewalt, die hier ohnehin dem Schlendrian und aller erdenklichen Korruption preisgegeben ist und, wenn auch mit dem Prunkgewande republikanischer und demokratischer Verfassungsformen angetan, ein Schatten- und Schmarotzerdasein führt.
Liegt in diesen traurigen Zuständen schon die Voraussage des düstern Schicksals, welches auch dem kraftvollen und tatkräftigen deutschen Einwanderer bevorsteht? Die folgenden Ausführungen sollen die Antwort darauf geben.
Zweites Kapitel.
Die deutschen Siedlungen.
1. Ihr Gebiet
Die deutschen Siedlungen bedecken heute eine Fläche von etwa 5000 ginn, d. h. also ein Neuntel des gesamten Staatsgebiets.
Im Norden und Osten reichen sie fast an die Bahnlinie heran, die von Victoria nach Minas führt (im Norden also zugleich an den Rio Doce). Im Westen erstrecken sie sich bis an das westliche Ufer des Guandü, somit bis an die Grenze von Minas. Im Süden umfassen sie noch das ganze Tal des Jucüflusses.
Es ist also einerseits das Stromnetz der südlichen Nebenflüsse des Rio Doce: des Guandü, des Santa Joanna und des Santa Maria, und anderseits dasjenige des Oberlaufs der beiden ins Meer mündenden Flüsse Jucü und Santa Maria da Victoria, die gegenwärtig das Feld der deutschen Kolonisation in Espirito Santo bilden. Sie werden es auch Wohl noch lange bleiben; denn noch ist ein großer Teil dieser Ländereien entweder gänzlich unbebaut oder von der einheimischen Bevölkerung nur oberflächlich in Bearbeitung genommen.
Die Bodengestaltung ist auch im deutschen Siedlungsgebiet die für den ganzen Staat typische. In der Hauptsache ist es stark bergiges, von unzähligen Bergströmen zerklüftetes Hochland von 300—1000 m Höhe,
* Siehe die Karten des Anhangs.