22
Dr. Ernst Wagemann.
das einerseits nach der Küste, anderseits nach dem Rio Doce abfällt. Das untere Tal des Santa Jvanna, wie das des Guandü und des Santa Maria ist Tiefland, welches 100—300 m über dem Meeresspiegel liegt. Hier stehen der Landwirtschaft verhältnismäßig breite und ebene Flächen zur Verfügung, während im Hochlande die Täler oft nicht viel breiter sind als das schmale Flußbett, so daß die Bauernhöfe kaum eine ebene Stelle auszuweisen haben.
Die Landschaft gewährt im großen und ganzen etwa das Bild eines deutschen Mittelgebirges mit tropischer Vegetation, einer Vegetation, die sich zwar fast nie zur gigantischen Pracht des Urwalds am Amazonenstrvme erhebt, der jedoch die Leuchtkraft der tropischen Sonne paradiesische Schönheit verleiht. Graya Aranha, einer der angesehensten brasilianischen Schriftsteller, kennzeichnet sie im Eingang seiner in Espiritv Santo spielenden Erzählung „Chanaan" wie folgt:
„In jener Gegend drückt die Erde eine vollkommene Harmonie im Weltengefüge aus: der Fluß ist nicht groß und gewaltig im Sturz wie ein furchtbarer Bergstrom, die Gebirgskette setzt sich nicht aus jenen Riefen zusammen, die ihr Haupt in die Wolken vergraben und bezaubernd und lockend zu düsterm Kult begeistern und zum Tode einladen wie zu einem lockenden Obdach. Der Santa Maria ist ein kleiner Sohn der Höhen, flüchtig in seinem Anfang, dann lange gehemmt durch Steine, die ihm den Weg zu sperren suchen, und von denen er sich, stöhnend vor Schmerz, mit einer furchtbaren Kraftanspannung befreit, um schließlich feurig und fröhlich dahinzustürmen. Er entwindet sich dann einem schlichten Walde, dringt lebhaft in den Schoß der sanft gewundenen Hügel ein, die sich wohlgefällig jener lächelnden und überströmenden Wildheit hinzugeben scheinen . . . Sie erheben sich anmutig, bekleidet von runden Rasenflächen, die ihnen weich von den Hüften fallen, wie eine dunkle Tunika, die sie in Liebkosungen weich und ewig einhüllt."
2. Das Klima des Hochlandes.
Die deutschen Siedlungen werden vom 20. Breitengrade durchschnitten, sie liegen also schon in der Tropenzone. Entsprechend der verschiedenen Höhenlage sind aber die klimatischen Verhältnisse außerordentlich mannigfaltig.
Leider sind die darüber vorliegenden Beobachtungen sehr unvollkommen. Tägliche Messungen, freilich nur mit einfachen Instrumenten,