Vergiftungen durch pflanzliche Gifte.
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Die mit dem Verlesen und Reinigen beschäftigten Arbeiter erkranken oft an chronischer Lidrandentzündung und Schnupfen, und auf der Haut entsteht leicht ein juckender Ausschlag (Vanille-Krätze), welcher unter starker Anschwellung nach einigen Tagen in Abschuppung übergeht und abheilt. In anderen Fällen sieht man Kopfschmerzen, Betäubung, Schwinde], Steifheit und Schmerzhaftigkeit der Muskeln, Priapismus und Blasenreizung eintreten. Für die Entstehung dieser Erscheinungen sind verschiedene Hypothesen aufgestellt worden. Einige machen für die örtlichen Erscheinungen eine Milbe oder einen pflanzlichen Parasiteil verantwortlich, andere halten sie für eine Wirkung des Cardol, des Öles von Anacar- dium oeculaitale, womit oft der besseren Haltbarkeit halber die Schoten bestrichen werden. Die Allgemeinerscheinungen werden wahrscheinlich durch das Vanillin hervorgerufen, nach Kobert vielleicht durch Tyrotoxin.
Literatur.
1889 Cad£ac, et Me uni eh, Myristica fragrans. Journ. de med. v6ter. p. 1.
1889 flüGYES, Capsicum annuum. Arcli. f. exp. Path. u. Pharm. Bd. IX. p. 123.
1883 Layet, Vanilla planifolia. Ann. d’hyg. II. p. 361.
XV.
Vergiftungen durch die Ernährung mit Cerealien usw.
Zu dieser Gruppe gehört der Ergotisinus, die Pellagra, der Lathyris- mus und der Atriplicismus. Da wir uns hier nur mit den tropischen Iutoxi- kationskrankheiten pflanzlichen Ursprungs befassen, so kommen nur die drei letztgenannten Affektionen in Betracht.
Pellagra.
Die Pellagra oder der Maidismus ist eine chronische Krankheit von äußerst langsamem Verlaufe und besteht in einer Vergiftung, von welcher die ärmeren Landleute betroffen werden, welche sich fast ausschließlich mit Mais ernähren.
Die Krankheit zeichnet sich durch alljährlich im Frühling eintretende Exacerbationen aus, die in Gestalt von Störungen im Magendarmkanal, im Xervensystem und in der Psyche auftreten, sowie durch das Auftreten eines erytlie- matüsen Exanthems auf den unbedeckt getragenen Körperteilen. Die Kranken, welche schließlich in Kachexie und Geisteskrankheit verfallen, beschleunigen ihr Ende häufig durch Selbstmord, besonders durch Ertränken (Hydromanie).
Geographische Verbreitung. Die Krankheit kommt in bestimmten ländlichen Bezirken der südeuropäischen Halbinseln, besonders in Italien, Rumänien, Spanien und Portugal vor. In Afrika sind Ägypten und einige Teile Algeriens als Pellagraländer bekannt geworden. In Amerika ist die Krankheit in Mexiko und Mittelamerika nicht selten.
Ätiologie. Die in Italien vorwiegend herrschende Anschauung von der Entstehung der Pellagra rührt von Lombroso her und erklärt die Krankheit als eine Intoxikation mit Giften, welche in verdorbenem Mais durch die Tätigkeit von Pilzen entstehen, wenn das Korn nicht gut getrocknet ist oder in feuchter Umgebung aufbewahrt wird. Die hierbei auftretenden Mikrorgauismen sind Pcnicillum glaitcum, Mucor racemosits, Aspergillus niger und A. fumigntus mit oder ohne die Mitwirkung von einer oder mehrerer Bakterien, Oidien und Blastomyzeten.