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Bd. 1 (1905)
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P. G. J. van Brero.

Degenerationspsychose par excellence, die Paranoia, und Inhaber der psychopathischen Minderwertigkeiten mit deren psychotischen Intervallen und symptomatischem Alko­holismus, in dieser Truppe ansammeln.

Dagegen tritt das Jugendirresein bei der eingewanderten europäischen Bevölke­rung an Häufigkeit zurück, weil gewöhnlich die Tropen erst um einige Jahre nach dem zweiten Lebensdezennium betreten werden.

Diese und andere Umstände trüben natürlich den Wert einer solchen Statistik, will man sie zur Beurteilung der seßhaften Bevölkerung benützen.

Die Auffassung des Irreseins bei Naturvölkern ist bekanntlich eine Besessen­heit, wofür je nach dem Volke verschiedene Geister auf verschiedene Weise verant­wortlich gemacht werden. Keineswegs aber werden die Kranken darum allgemein als Heilige behandelt, was ja auch begreiflich ist, weil sie oft zu lästig und ge­fährlich sind und die Bezwingung dieser Geister nicht, wie die der Naturgewalten, über die äußeren Kräfte der Umgebung hinausgeht. Als Heilige werden vermutlich nur geeignete Vertreter von einzelnen Degenerationspsychosen, wie z. B. Paranoia, Epi­lepsie oder zyklischen Formen betrachtet und dementsprechend behandelt, wo die Pseudoluzidität eine geistige Gesundheit vortäuscht und die mystischen Reden, Weissagungen und Handlungen dieser Personen Eindruck machen. Auch ein Glaube an Hexen besteht noch allgemein, ist aber ebensowenig mit Verherrlichung der betreffenden Person gepaart.

Die mildeste Behandlung der Irren bei den Naturvölkern besteht in Verwahr­losung; das Schließen in Holzblöcke oder Käfige und sogar Eingraben ist bei Un­ruhigen und Gefährlichen gar nicht selten.

Bevor wir zur Besprechung des eigentlichen Irreseins übergehen, mögen einzelne Eigentümlichkeiten des Nervenlebens von Naturvölkern beleuchtet werden.

Scliamanismus. Schamanen sind Personen beiderlei Geschlechts, welche an­geblich die Eigenschaft besitzen, Geister zu herborgen. Sie kommen in verschie­denen Ländern der Welt vor, stehen in inniger Beziehung zu religiösen Feierlich­keiten, weil sie als Inkarnation von Geistern mit der Macht eines delphischen Orakels auftreten können. Der Name stammt ursprünglich aus Sibirien. Bei den Dajaks werden die männlichen Schamanen, Basirs genaunt, mit Männern verheiratet und benehmen sich wie Weiber. Die weiblichen sind Prostituierte. Diese Geschlechtsveränderung soll nicht mit der konträren Sexualempfindung identi­fiziert werden. Sie findet vielmehr ihre Analogie in dem Wahn der Geschlechts­änderung, welche bei Irren gefunden wird.

Durch Opfern von Weihrauch, monotone Tänze, Gesang und Musik werden dergleichen dafür empfängliche Personen in Extase versetzt, worin sie göttliche Prophezeihungen offenbaren. Die Beschwörung der Geister, um sich in den Schamanen zu verkörpern, geschieht von den Schamanen selbst und zwar in einer Geistersprache, welche für die Umgebung unverständlich ist. Der Übergang in Extase ist bisweilen begleitet von Nervenzufällen, Singen, Schreien, sich auf den Boden Werfen, Wälzen, Tanzen und Springen mit verdrehten Gesichtszügen, bis oftmals Bewußtlosigkeit eintritt.

Offenbar hat man es hier mit denselben Zuständen von Hypnotismus zu tun, entstanden aus Suggestion von seiten der Umgebung und sich selber, welche im 16. und 17. Jahrhundert wiederholt sporadisch und epidemisch in Europa ange­troffen wurden.

Latali siehe Seite 214.

Amok. Unter Amok versteht man in Niederländisch Ostindien und den übrigen malayischen Ländern einen mehr oder weniger plötzlich auf-