Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1905)
Entstehung
Seite
214
Einzelbild herunterladen
 

214

P. 0. J. VAN BliERO.

Die Prognose ist quod vitam meistens günstig, weil bulbäre Erscheinungen selten Vorkommen. In leichten Fällen wird der Kranke vollständig geheilt, meistens bleibt aber eine gewisse Muskelatrophie und Kraftlosigkeit zurück.

Chinin scheint eine prophylaktische, aller keine heilende Wirkung zu haben. Broquet sah nach einigen Malariafieberanfällen mit transitorischen Paresien inter­mittierende Lähmungen von Blasen- und Rektumsphinkteren auftreten, welche nach Chiningebrauch schwanden. Maraniion de Montyel meint, daß das Sumpffieber in der Mehrzahl der Fälle den Verlauf der Epilepsie ungünstig beeinflußt. Einmal sah er die Krankheit während eines Malariaanfalles entstehen; seine Kranken waren aber alle neuropathisch belastet, so daß er die Infektion nur als auslösende Kraft betrachtet. Nach Heilung der Malaria blieb die Neurose fortbestehen.

Nach Commüleran ist das Suinpffiebor fähig Hysterie und Epilepsie zu heilen, zu verschlimmern und zum Ausbruch zu bringen. Auch Neurasthenie soll durch Malaria verschlimmert oder hervorgerufen werden können; das Charakteristikum dabei soll sein: 1. häufige vasomotorische Störungen, 2. hervorragende Muskelschwäche, 3. Periodizität der Erscheinungen, 4. häutig vorkommendes Delirium, 5. Plasmodienbefund und (5. Heil­barkeit durch Chinin, jedenfalls im Anfang. Bieloxsow sah bei einem 11jährigen Knaben Epilepsie, wobei er im Blute Plasmodien fand und wo die Bromsalze erfolglos blieben, Chinin und Arsen dagegen zur Genesung führten.

Kiewiet de Jonge sah infolge Malaria Erscheinungen von Sclerose en plaques. Campbell Highet fand bei den Fällen multipler, peripherer Neuritis bei Malaria keine wesentlichen Abweichungen vom gewöhnlichen Bild, sie entsteht erst nach mehreren Attacken und die Inkubationsperiode beträgt ca. 8 Monate. Zwei andere Beobachter, Bariielli und Bertrand, erwähnen eine stattliche Reihe von Nervenerscheinungen, von Krankheiten des peripheren und zentralen Nerven­systems inkl. Psychosen, welche durch Malaria verursacht werden oder nach diesem auftreten. Es muß nur Wunder nehmen, daß die Tropennervenärzte, die meistens auch die gewöhnliche Praxis ausüben (u. a. in den Irrenanstalten) diesen ätiolo­gischen Faktor so äußerst selten einwandsfrei zu Gesicht bekommen. Nur Neurasthenie macht eine Ausnahme und auch nur als Folgekrankheit, wobei es noch gar nicht sicher ist, ob die Infektion als solche oder die begleitende und folgende Inanition Schuld daran ist.

Einzelne Nervenkrankheiten, zwar nicht ausschließlich innerhalb der Wende­kreise heimisch, werden dort so viel angetroffen, daß sie eine besondere Betrach­tung verdienen.

Lntali.

(Svnon. Mimicismus der Malaien.)

Definition. Latah ist eine funktionelle, paroxysmatisch auftretende und meistens von einem Schreckaffekt eingeleitete Nervenkrankheit, bei welcher auf im­peratorischem Wege und zwar gegen den Willen uud trotz lebhaften Unlustgefühls des Kranken Bewegungen (Handlungen und Laute) zur Ausführung gebracht werden.

Geographische Verbreitung. Die Krankheit wird bei der malaiischen Rasse im i n d i s c h e n A r c h i p e 1, in S i a m, wo sie B ah -1 s c h i heißt, und in Britisch- Indien gefunden. Aber auch in nicht tropischen Ländern, in Maine in den Vereinigten Staaten, in Sibirien und Lappland, werden analoge Krank­heiten, Jumping resp. Miryachit genannt, angetroffen.

In Bastian, Der Mensch, 1860, S. 562 liest man;Nach Högström kommt bei den Lappen oft ein solcher Grad von Excitabilität vor, daß sie die seltsamsten Erscheinungen manifestieren. Wenn ein Individuum den Mund öffnet oder schließt,