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Die Behandlung der einheimischen Bevölkerung in den kolonialen Besitzungen Deutschlands und Englands : eine Erwiderung auf das englische Blaubuch vom August 1918: Report on the natives of South-West-Africa and their treatment by Germany / Reichskolonialamt
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Die Bemerkung, die für die Ruchlosigkeit und Gewissenlosigkeit und Kurzsichtigkeit der Engländer vielleicht die wuchtigste Anklage enthält, ist am Schlüsse des betreffenden Aufsatzes zu lesen und lautet:

Tatsache ist, daß die Überlegenheit der Weißen zum großen Teil für den Indier zu existieren aufgehört hat. Die japanischen Siege über eine weiße Macht haben die Myriaden der Indier bis zu den Tiefen ihres Herzens auf­gerüttelt.

So also lauten ungefärbte und unbeeinflußte Äußerungen aus sach­verständigem englischen Munde. Und es wird wohl niemand glauben, daß von März 1914 bis August 1914 die Engländer auch nur Zeit zu einem Versuche der Besserung gehabt hätten. Noch weniger wird jemand glauben, daß der Krieg die Stimmung in Indien verbessert hätte. Und damit dürften die optimistischen Ruhmredigkeiten Lord Hardinges von der liebevollen Treue der indischen Bevölkerung und die hochfliegenden Pläne Lord Churchills von neuen indischen Massenheeren hinreichend beleuchtet sein.

Nach derTägl. Rundschau vom 30. Mai 1916 ausThe London Magazine vom März 1914.

II.

DiePax Britannien eine Fiktion.

Die Aufgabe jeder Kolonialmacht ist es, ihre Kolonialvölker wirtschaft­lich und kulturell zu entwickeln und aufwärts zu führen. Diese Pflicht hat England Indien gegenüber nicht erfüllt. Was für eine Entschuldigung bleibt nun noch für England?

Die Engländer und auch manche nicht englische Verteidiger des briti­schen Systems, welche die wahren Zustände Indiens nicht kennen, antworten darauf: die Pax Britannica! England, so sagen sie, hat Indien den Frieden gegeben. Vor der Zeit der britischen Herrschaft herrschte in Indien der Krieg; das Reich der Mogule war zusammengebrochen, ein Fürst bekämpfte den ande­ren, und der Glaubensunterschied zwischen Hindu, Mohammedanern, Sikhs und anderen Religionsgemeinschaften führte zu beständigen Kämpfen, durch die sehr viel Blut vergossen wurde. Seit 1858 aber herrscht, von kleineren Kriegen abgesehen (Burma-Krieg, Afridi-Aufstand u. a.), im weiten Lande der Friede, und jedermann kann ungefährdet seinen Geschäften nachgehen.

So ungefähr lautet die Rede derjenigen, die Englands Herrschaft zu rechtfertigen versuchen. Indessen dieser Rechtfertigungsversuch ist hinfällig. Dabei wollen wir gar nicht untersuchen, ob die Kriege, die in Indien während der letzten dreihundert Jahre geführt worden sind, mehr Menschenleben ge­fordert haben, als Hungersnot und Pest in den letzten 50 Jahren der britischen Herrschaft. Wir wollen vielmehr die einfache Frage stellen: kann der Friede den Ruin eines Landes rechtfertigen? Diese Frage ist mit einem glattenNein zu beantworten. Der Friede, den die britische Herrschaft dem Volke Indiens beschert hat, ist der Ruhe eines Friedhofes zu vergleichen, über dessen Gräbern nicht das Leben herrscht, sondern der Tod.

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