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III. Behandlung der Einheimischen in den englischen Kolonien.
In dem vorhergehenden Teil bot sich an vielen Stellen Gelegenheit, englische Urteile über die englischen Verwaltungsmethoden in den Kolonien heranzuziehen, um zu zeigen, daß das englische Blaubuch besser getan hätte, die eigenen Fehler aiifzudeeken, als Deutschlands Kolonialsystem herabzusetzen, das englische Stimmen vor dem Kriege vielfach geradezu als Muster hingestellt hatten.
Zur Ergänzung wird in den nachstehenden Ausführungen noch eine Reihe von ehrlichen englischen Preßstimmen über den eigenen Kolonialbesitz wiedergegeben. Es handelt sich aber auch hier nur um eine kleine Auswahl, die beliebig erweitert werden könnte.
1. Ägypten.
Wenn man die Verhältnisse in Ägypten vor und nach der Besetzung durch England vergleicht, so ist ein äußerer Fortschritt auf allen Gebieten der Verwaltung zweifellos unverkennbar. Die Finanzen sind heute leidlich geordnet, während zu Ismails Zeiten der Staat bankrott war; das Gerichtswesen bewegt sich in wenigstens äußerlich rechtssicheren Formen, während früher der Meistbietende an Bakschich regelmäßig auch der im Rechtsstreit Obsiegendo war. Die Ertragsfähigkeit des Bodens und die Ausdehnung der bebauten Fläche ist gewachsen, so daß die Produktion des Landes sich erheblich gesteigert hat. Im Schulwesen hat sich eine allerdings sehr langsame Abnahme des Analphabetismus gezeigt. Gleichwohl aber erheben sich zwei Fragen: Stehen diese Fortschritte im Verhältnis zu Zeit und Aufwand der Okkupation, und sind sie dem Lande oder dem unrechtmäßigen Besitzer des Landes zugute gekommen ?
Beginnen wir mit der Erörterung des wichtigsten ägyptischen Problems; der Reform des Erziehungswesens, so linden wir, daß der tatsächliche Fortschritt, der in den 35 Jahren britischer Kontrolle über Ägypten erreicht wurde, gleich null ist. Bis heute sind 91 v. H. der Gesamtbevölkerung nicht des Lesens und Schreibens kundig! AVenn sich früher 95 v. H. Ägypter beiderlei Geschlechts in dieser beklagenswerten Lage befanden, so stellt der „Fortschritt“ im Verhältnis zu der Arbeit von 35 Jahren englischer „Erziehung“ ein geradezu klägliches Ergebnis dar. Alle Erklärungsversuche müssen diesen trostlosen Ziffern gegenüber als trübselige Ausflüchte erscheinen. England hätte für die Erziehung der Ägypter sorgen können, wenn es gewollt hätte; allein es wollte nicht, weil es in seinem Interesse lag, über ein unwissendes, geistig ungerüstetes Volk zu herrschen. Großbritannien blieb seinen indischen Methoden treu. In den großen Städten, in Cairo und Alexandrien, wurden äußerlich prunkhaft«* Governmentschools eingerichtet, in denen ein ödes, nur auf den Gebrauch des Governmentclerks zugeschnittenes Wisseii in englischer Sprache verzapft wurde von Lehrern, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl der Landessprache