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Zustände in den Konzentrationslagern.
Das Elend, das schon Ende 1900 in den Konzentrationslagern herrschte, lenkte bald die Aufmerksamkeit edler Menschen in allen Teilen der Welt auf sich. Trotz der englischen Zensur wurde es in Europa und Amerika bekannt, daß in den Lagern trostlose Zustände herrschten. Mütter waren von ihren Kindern getrennt worden; Frauen mit kleinen Kindern war die Mitnahme einer Kuh verweigert worden. Die Verpflegungsportionen waren absolut ungenügend und wurden in rohem Zustande ohne das erforderliche Feuerungsmaterial verabreicht. Die amtlichen englischen Rationslisten zeigen, daß diejenigen Familien, von denen Mitglieder im Felde standen (sog. „Undesir- ables“), erheblich kleinere Rationen bekamen als die übrigen. Selbst Kinder unter 6 Jahren waren von dieser Bestimmung nicht ausgenommen! Die Frauen und Kinder, selbst Kranke und Schwangere, mußten in durchlässigen Zelten auf der nackten Erde liegen, ohne hinreichenden Schutz gegen Regen und gegen die empfindliche Kälte der südafrikanischen Winternächte.
Das Elend und die Sterblichkeit in den Lagern forderten die Hilfstätigkeit edler Menschen in ganz Europa und Amerika heraus, England nicht ausgenommen. Ende 1900 sandte ein in England gebildetes Wohltätigkeitskomitee Fräulein Emily Jlobhouse nach Südafrika, um die Zustände an Ort und Stelle zu untersuchen und nach Kräften zu helfen. Fräulein Hobhouse kam am 27. Dezember 1900 in Kapstadt an und besuchte in der Zeit vom Januar bis Juni 1901 die Frauenlager in den südlichen Teilen des Kriegsgebiets. Der Zutritt zu den Lagern nördlich von Bloemfontein wurde ihr von Kitchener verweigert. Ihre Berichte bilden eine der schwersten Anklagen gegen die englische Kriegführung.
Über die Lage der in den Konzentrationslagern gefangenen Frauen und Kinder, deren Zahl im August 1901 105 000 betrug, enthalten ihre Aufzeichnungen u. a. folgendes:
1. Lager bei Bloemfontein, 26. Januar 1901.
„Es sind fast 2 000 Menschen in diesem einen Lager, darunter nur wenige Männer und über 900 Kinder. In den Zelten ist eine Glut. In Regen
nächten strömt das Wasser durch die Leinwand und strömt in die Zelte, wie es nur in diesem Lande möglich ist, und durchweicht die wollenen Decken, auf denen die Leute liegen. Frau P. erwartet in 3 Wochen ihre Nieder
kunft, muß auf dem bloßen Boden liegen, bis sie steif und wund ist, hat fast seit 2 Monaten nichts zum Sitzen gehabt und kauert auf einer zusammengerollten
Decke. Ich nenne dieses Lagersystem eine Grausamkeit im großen. Nie,
nie kann es aus dem Gedächtnis der Leute ausgelöscht werden. Die Kinder werden am härtesten davon betroffen. Sie welken in der furchtbaren Hitze und infolge der ungenügenden und ungeeigneten Nahrung dahin. Tausende, körperlich widerstandsunfähig, sind Lebensbedingungen ausgesetzt, die sie wegen Entkräftung nicht mehr ertragen können. Vor ihnen ist trostloser Ruin. Es gibt Fälle, in denen ganze Familien getrennt und zerstreut sind; sie wissen nicht, wo und wohin. Wenn das englische Volk doch nur einmal