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Zweiundzwanzigstes Kapitel. Europa.
Dagegen hat sich Rotterdam gehoben; seine Einfuhr betrug 1896 8681, 1899 25604 metr. Tonnen (reichlich 100000 Ballen a. G.). Ausserdem kommt jährlich eine ansehnliche Menge Baumwollsamenöl nach Rotterdam ; 1899 39074 metr. Tonnen.
5. Russland.
Auf Seite 18 wurde darauf hingewiesen, das im Mittelalter nächst Spanien das südliche Russland am frühesten in Europa baumwollene Stoffe verbrauchte, die es aus Mittelasien bezog. Dass auch Rohbaumwolle oder wenigstens Saatwolle ihren Weg nach Russland fand, ersieht man aus den Mitteilungen des Kärtners Sigismund von Herberstein, vgl. Seite 21, der zweimal, 1517 und 1526/1527, als Botschafter des deutschen Kaisers am Hofe des moskowitischen Grossfürsten verweilte. Wann die Verarbeitung eingedrungen ist, steht nicht fest, aber es ist sicher, dass die Herstellung einfacher Baumwollgewebe aus Rohstoff, der aus England bezogen wurde, bereits in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in den Gouvernements Moskau und Wladimir vielfach ausgeübt wurde. Dieser Betrieb gehörte zu der in Russland weitverbreiteten Hausindustrie, „Kustarnaja promyschlenostj“ = Strauchgewerbe, die sich in manchen Gegenden bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Dieses Strauchgewerbe beschäftigte anfangs der achtziger Jahre noch immer 350000 Kustari, namentlich in einigen Kreisen Bessarabiens und mehreren nördlicheren Gouvernements, wie Kaluga und Orenburg. Nach W. J. Kowalewski befassen sich die Frauen und Mädchen in den langen Winterabenden überall mit Spinnen und Weben, jedoch meist nur für den eigenen Bedarf. In einigen Gebieten hat aber auch diese Thätigkeit einen industriellen Charakter, namentlich in den Gouvernements Moskau, Jaroslaw und Kostroma. Der Verdienst eines Webers beträgt 70—100 Rubel per Saison. Die Gewebe werden meist für Rechnung von Fabrikanten und Kommissionären erzeugt, die den Arbeitern Aufzug und Einschlag liefern.
Die fabrikmässige Verarbeitung, begonnen im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, hat sich seitdem so günstig entwickelt, dass sie gegenwärtig die erste Stelle in der russischen Gesamtindustrie einnimmt, vgl. Seite 246, und nicht nur die ausländischen Fabrikate von dem ungeheuren inneren Markte fast völlig verdrängt hat, sondern auch die Ausfuhr ihrer Erzeugnisse nach andern Ländern mit jedem Jahre vermehrt. Die Hauptsitze der Spinnerei liegen in den Gouvernements Moskau,