Handel mit Rohbaumwolle. 159
lernt hatten. Diese aber bezogen sie, wenn sie sie nicht geschenkweise erhielten, eben durch den Handel.
Indien, das Ursprungsland des Baumwollbaues, wurde somit zunächst der Entstehungsherd des Handels mit Fabrikaten, später erst des Handels mit Rohbaumwolle. Zu welcher Zeit der eine oder der andere seinen Anfang genommen hat, lässt sich mit dem besten Willen nicht feststellen, denn, wie bereits in dem Überblicke über die Geschichte der Baumwolle hervorgehoben wurde, giebt es für die älteste Zeit nur gelegentliche Notizen, die noch dazu in gewissen Fällen mit grosser Vorsicht aufgenommen werden müssen, weil die betreffenden Autoren keine scharfe Scheidung zwischen den verschiedenen pflanzlichen Faserstoffen beobachten. Mit Rücksicht auf diese Verhältnisse darf man wohl den Beginn des Handels mit Rohbaumwolle nicht weiter zurückverlegen als in das spätere Mittelalter, wo ja die Verarbeitung dieses Rohstoffes in Mitteleuropa begann, während Südeuropa damals seinen diesbezüglichen Bedarf durch Eigenerzeugung befriedigte. Da aber die Kenntnis der baumwollenen Gegenstände durch die Kreuzzüge hervorgebracht oder wenigstens wieder belebt wurde, so muss der Handel mit Rohbaumwolle als eine Folge jener grossen geschichtlichen Bewegung gelten.
1. Das Mittelalter.
Die damaligen Herkunftsgebiete waren zunächst einige Küstenländer des östlichen Mittelmeeres wie Kleinasien, Syrien und Ägypten; das älteste Einfuhrgebiet aber ist Italien. Baumwolle aus Antiochien neben solcher aus Alexandrien und Sicilien kam schon um 1140 auf der öffentlichen Wage von Genua vor. Francisco Balducci Pegolotti in seinem für die Geschichte des mittelalterlichen Handels grundlegenden Werke, betitelt: la pratica della mercatura, das in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts geschrieben ist, unterschied bereits verschiedene Qualitäten. Als Baumwolle erster Güte bezeichnete er diejenige von Hamah (Hamath, das alte Epiphania) und Haleb in Syrien. Die zweitbeste Sorte kam aus Kleinarmenien, wo speziell Curcho (Korykos) und Adana als Erzeugungsorte, Lajazzo als Stapelplatz namhaft gemacht wurden. Auch aus der Umgebung von Damaskus kam eine ähnliche Qualität. Endlich folgten in noch weiteren Abstufungen die Erzeugnisse von Accon, Cypern und Laodicea in Syrien. Diesen orientalischen Sorten gegenüber taxierte Pegolotti die Baumwolle des Abendlandes sehr niedrig; die verhältnismässig beste lieferte die Basilicata (Apulien); etwas schlechter