Zweites Kapitel.
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die altweltlichen Arten seit mehr als einem Jahrhundert in Amerika angebaut werden, während die amerikanischen .Sorten auch ihrerseits in andere Länder und Erdteile eingedrungen sind. Aber gerade dieser früher nicht genügend gewürdigte Umstand war es, der eine Quelle fortwährender Irrtümer und Verwechslungen bei dem Studium der Baumwollarten bildete, zumal die Pflanze ungemein leicht verwildert und es für den Forscher und Reisenden daher sehr schwer ist, festzustellen, ob er wildwachsende oder verwilderte Gewächse vor sich hat.
Aus diesen Gründen wird man es verstehen, dass nicht nur in der wissenschaftlichen Benennung eine ungeheure Verwirrung herrscht, sondern dass auch die Ansichten der einzelnen Botaniker, die sich speziell mit dieser Aufgabe abgegeben haben, weit auseinander gehen und kaum vereinbar erscheinen.
1. Botanische Geschichte der Baumwollstaude.
Die Aufgabe dieses Kapitels kann es nicht sein, die verschiedenen Darlegungen der fachmässigen Botaniker bis ins einzelne zu verfolgen, schon deshalb nicht, weil ein solches Unternehmen ein ganzes, grosses Werk für sich allein erfordern würde. Es mag daher genügen, einen kurzen Blick auf die botanische Geschichte der Baumwolle zu werfen und füglich diejenige Einteilung etwas näher zu beleuchten, die die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hat.
Die erste Gruppierung der verschiedenen Baumwollarten rührt von dem Altmeister der Botanik, dem Schweden Linne, her; dieser unterschied fünf Arten: G. herbaceum, G. arboreum, G. hirsutum, G. religiosum und G. barbadense. J. P. B. von Rohr, im Anfänge des vorigen Jahrhunderts Direktor des Ackerbaues auf der westindischen Insel Santa Cruz, verfasste im Jahre 1807 im Aufträge des Königs Christian VIII. von Dänemark ein ausführliches Werk, nachdem er 29 verschiedene Sorten und einige Unterspielarten gründlich studiert hatte. Daraufhin stellte er vier Gruppen nach dem Aussehen der Samenkörner auf; bei der ersten sind diese rauh und schwarz; bei der zweiten glatt, von dunkelbrauner Färbung und geaderter Oberfläche; bei der dritten sind sie mit kurzen Haaren spärlich besetzt, sodass man wohl die Farbe der Samenhülle, aber nicht die Äderung erkennen kann; bei der vierten endlich ist die Oberfläche so dicht behaart, dass man die Farbe der Umhüllung nicht sieht; diese bis 3 mm langen Härchen bilden nicht die eigentlichen Fasern, sondern eine Art Grundwolle.