Abteilung VI.
Manu'a,
Allgemeines.
Manu'a ist der östlichste Teil des 8amoa-Arcliipels und besteht aus drei Inseln, Taü, Olosega und 'Ofu. Ausserdem gehört hierher auch noch das im äussersten Osten gelegene unbewohnte Rose-Atoll, im samoanischen Muliava „letzter Rifteinlass“, auch Nu'umanu, „Ort der Seeungeheuer“ genannt (siehe Geschichte von Fitiaumua c. 17). Woher der Name Manu'a kommt, geht aus meiner Sammlung nicht deutlich hervor; doch giebt ja Turner p. 223 darüber Auskunft, und zwar soll Manu'a, „verwundet“, von einem mit Wunden bedeckten Kind kommen 1 , dessen Eltern Fels und Erde waren (vergl. c. 8 Zeile 20). Manu'a steht unter einem besonderen König, dem Tuimanu'a, und ist politisch vollständig unabhängig von Savai'i lind Upolu; auch mit Tutuila sind seine Beziehungen nur verwandtschaftlicher Natur, jedweden politischen Einflusses entbehrend; ferner nur als Nachbar und Zwischenstation auf den Reisen nach dem Westen steht Tutuila dem stolzen Manu'a näher als die andern beiden Inseln. Das Königsgeschlecht der Moa'atoa 2 , aus dem alle Tuimanu'a hervorgegangen sind, giebt natürlich an, das älteste in Samoa zu sein; ja sogar der Name Sa Moa soll nur „Familie der Moa“ bedeuten (alles Nähere darüber siehe übrigens in Abt. II. a, 1. p. 8). Der in allen Überlieferungen zur Schau getragene Hochmut findet besonders Ausdruck in der Bezeichnung Manu'a tele, „das grosse Manu'a“, nach Turner angeblich daher stammend, dass der gottentsprossene, sagenhafte Fitiaumua einst ganz Samoa unterjocht haben soll (c. 17). In seiner Abgeschlossenheit hat aber Manu'a seine alten Überlieferungen besser bewahrt als die übrigen Inseln, trotzdem die Mission daselbst sich grossen Einflusses zu erfreuen gehabt hat, indem es eine einheimische Tättowierung daselbst nicht mehr giebt, und ein richtiger samoanischer Tanz 3 bei der nachwachsenden Jugend nicht mehr geübt zu sein scheint.
v. Biilow hat in mehreren seiner Arbeiten angedeutet, dass er die Manu'a-Kosmogonie für nicht frei von fremden Einflüssen halte. Aber ihm wurde wegen seines abgeschlossenen Wohnortes nur ein sehr geringer Teil der Arbeiten über Manu'a bekannt und dieser Teil nur aus Bastian’s Werken 4 . Aus dem Vergleiche meiner Sammlungen unter sich und mit den weiter unten (bei c.) näher erwähnten Manu'a-Arbeiten, habe ich aber die sichere Überzeugung gewonnen, dass dies nicht der Fall ist. Denn wären europäische Einflüsse vorhanden, so müssten sich grössere Divergenzen ergeben, da manche Gesänge mir drei- bis fünffach Vorlagen und alle aus verschiedenen Quellen. Wir haben hier also ein wahres samoanisches Delos, wie es Fraser bezeichnete, vor uns.
Trotz des hinreichenden Materials bleibt auch hier vieles unvollständig und mangelhaft. Besonders gilt dies von der lä'alupega und der politischen Einreihung der Ortschaften, von denen vieler Namen und Lage unsicher blieben; ferner vor allem von den Stammbäumen und dem Königsregister, so dass eine weitere Sammlung als dringend wünschenswert dargestellt werden muss.
1 Vergl. auch c. 8 Zeile 20.
2 Nach P o w e 11 daher kommend, dass der ursprüngliche Titel lautete: Tui Manu'a ma Samoa ‘atoa (siehe Geschichte der Verfassung II. a. 1).
3 Unter vielen alten Worten wie z. B. lefu statt leaga für „schlecht“ ist in Manu'a statt dem allgemeinen Wort siva für „Tanz“ sa'a gebräuchlich, das haka der Maori.
4 bei Bastian No. 1 p. 290 findet sich übrigens im tonganischen Text eine Andeutung, wonach auch in Tonga die so vielfach angezweifelte Sage vom Schlingkraut (siehe c. 1) vorhanden ist, die im übrigen weit nach Westen reicht.