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Die deutschen Kolonialbahmn in Afrika.
mit der Ehre Deutschlands nicht vereinbar gewesen. Diese Erkenntnis führte einen allgemeinen Umschwung in der öffentlichen Meinung zugunsten unserer bisher so gern geschmähten Kolonien herbei. Nach der Auflösung des Reichstags im Dezember 1906 wurde eine neue Volksvertretung gewählt, in der die kolonialfeindliche Sozialdemokratie eine Anzahl ihrer Sitze verlor. Das deutsche Volk lernte wieder an seine in früheren Jahrhunderten bewährte kolonisatorische Kraft glauben und faßte neues Vertrauen in die Zukunft seiner Kolonien. Der neu gewählte Reichstag bewilligte die Mittel zur Niederwerfung des Aufstandes, für die Weiterführung der Eisenbahn Lüderitzbucht—Aus nach Keet- manshoop und für die Errichtung des Kolonialamtes als einer obersten Reichsbehörde an Stelle der seitherigen, dem Auswärtigen Amte angegliederten Kolonialabteilung. An die Spitze des Kolonialamtes trat I) e r n b u r g , ein Kaufmann von ungewöhnlicher Begabung und Tatkraft. Der Chef des neuen Reichsamtes reiste im Sommer 1907 selbst in das ostafrikanische Schutzgebiet, um sich aus eigener Anschauung ein Urteil über die Möglichkeiten des Bahnbaues zu bilden. Schon vorher, im April 1907, hatte er dem Reichstag eine Denkschrift über ,,D i e Eisenbahnen Afrikas, Grundlagen und Gesichtspunkte für eine koloniale Eisenbahnpolitik in Afrika“ überreicht, um seine Grundsätze einer zielbewußten Verkehrspolitik in unseren Schutzgebieten darzulegen. Diese Denkschrift wirkte in hohem Grade überzeugend, indem sie den wirtschaftlichen Einfluß der Bahnbauten in anderen afrikanischen Kolonien nachwies und durch umfassende Zahlen belegte. Die öffentliche Meinung erkannte nunmehr zahlreiche koloniale Forderungen in Deutschland an, deren Berechtigung wenige Monate vorher im Reichstage noch heiß umstritten war.
Die Kolonialbahn-Vorlagen.
Entwicklung des Bahnnetzes.
Die Frucht der Reise des Kolonial-Staatssekretärs von 1907 war die erste Kolonialbalin-Vorlage vom März 1908, in der fünf neue Schutzgebietsbahnen, zusammen 1460 km, beantragt wurden; es waren dies
in Ostafrika: die Verlängerung der Usambarabahn von Mombo bisBuiko, und der Bahn Daressalam--Morogoro nach Tabora;