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Deutschland und seine Kolonien im Jahre 1896 : amtlicher Bericht über die Erste Deutsche Kolonial-Ausstellung / hrsg. von dem Arbeitsausschuss der Deutschen Kolonial-Ausstellung ... Red.: Gustav Meinecke ... Zeichn.: Rudolf Hellgrewe
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Zoologie.

Einleitung.

||;2j»li e meisten jetzt lebenden Tierformen sind nicht gleichmässig in allen Erdteilen und in allen Zonen zu finden, wie die sogenannten »Kos­mopoliten«, sondern ihre geographische Verbreitung ist auf ein mehr oder minder grosses Gebiet beschränkt.

Geradeso, wie die Eingeborenen von Australien wesentlich anders aussehen als die Bewohner Central­asiens, und wie ein Urwald im Congobecken einen anderen Eindruck macht als ein solcher in Südamerika, so setzt sich die Tierwelt z. B. in Südamerika aus ganz anderen Elementen zusammen als auf Madagaskar.

Ich möchte damit nicht etwa auf die grossen Ver­schiedenheiten zwischen der Tierwelt des Waldes, des Feldes, des Gebirges und der Ebene, der sumpfigen Landschaft und der Steppe hingewiesen haben, sondern auf die Unterschiede, welche die Gesamtheit aller in einem Lande lebenden Tierformen, die Fauna des Landes, von derjenigen eines zweiten Landes aufweist.

Man hat die Erde nach der Zusammensetzung ihrer Fauna in drei von einander sehr verschiedene zoogeo­graphische Gebiete eingeteilt.

Das südliche Gebiet, welches Australien und Polynesien umfasst, ist in seiner Tierwelt sehr von der ganzen übrigen Erde verschieden. Hier finden wir von Säugetieren nur Beuteltiere, Kloakentiere, Fledermäuse und Mäuse; daneben ist der Hund und das Schwein durch den IVIenschen eingeführt worden. Unter den Vögeln fehlen die Geier, Spechte, Finken, Ammern, Lerchen, der Wiedehopf und der Flamingo, unter den Kriechtieren die Blindschleichen, die echten Eidechsen, die Landschildkröten und Vipern. Auch die niederen Tiere sind durch höchst eigentümliche Formen ver­treten, von denen die Mehrzahl in anderen Erdteilen nicht vorhanden ist.

Von deutschen Schutzgebieten gehören hierher Deutsch-Neu-Guinea, der Bismarck-Archipel und die Marshall-Inseln.

Das zweite zoogeographische Gebiet der Erde ist das madagassische Gebiet, das Vaterland der Halbaffen, welches nicht ganz so wenig Verwandtschaft mit den grossen Kontinenten aufweist, als das südliche Gebiet, aber immerhin noch eine so eigentümliche I'auna besitzt, dass wir sie mit keiner anderen ver­gleichen können. Da auf Madagaskar oder auf den in der Nähe liegenden Inseln, den Maskarenen, Komoren und Seychellen ein deutsches Schutzgebiet nicht vor­handen ist, so brauchen wir uns nicht weiter mit der Fauna dieser Region hier zu beschäftigen.

Unter dem Namen Kontinental-Gebiet fasse ich die Erdteile Europa, Asien, Afrika und Amerika deshalb zusammen, weil in allen diesen Gebieten Hunde, Katzen, Ottern, Hasen und Huftiere, Spechte und Finken leben, von denen weder in dem südlichen noch in dem madagassischen Gebiet eine Art vorhanden ist.

Dieses grosse Kontinental-Gebiet zerfällt in eine Anzahl von Untergebieten, deren jedes sowohl durch ihm eigentümliche als auch durch ihm fehlende Tier­formen ausgezeichnet ist. Man kann eine kalte Zone, eine nördlich gemässigte Zone, eine subtropische Zone und eine tropische Zone unterscheiden, welche wieder in Untergebiete geteilt werden; namentlich zeigt das subtropische und tropische Amerika der alten Welt gegenüber grosse Unterschiede.

Im allgemeinen sind die Wasserscheiden zwischen zwei Stromgebieten als die natürlichen Grenzen je zweier zoogeographischer Gebiete aufzufassen.

Deutschland gehört zu dem europäisch-sibirischen Gebiet, einem Untergebiet der nördlich gemässigten

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