Kartographisches
Allgemeines über die Kartographie unserer sämtlichen Kolonien.
ls in den Jahren 1884 und 1885 unsere heutigen Kolonialgebiete wenigstens im grossen und 1 ' ganzen unter deutschen Schutz gestellt worden
waren, begann sich auch die deutsche Forschung natur- gemäss mehr diesen Ländern zuzuwenden. Bis dahin waren es in der Mehrzahl Ausländer, besonders Engländer, auch Franzosen und in Ostafrika Belgier, welche eine Reihe von Hauptzügen in der Gestaltung dieser Länder auf unsere Karten gebracht hatten, und lediglich Seekarten der englischen Admiralität waren es, welche den Handels- und Kriegsschiffen aller Nationen die sichere Navigation an den Küsten Afrikas und Neu-Guineas ermöglichten. Deutsche Reisende, welche die Entdeckungsgeschichte unseres Planeten in allen Ländern der fünf Erdteile, in allen Meeren, in den arktischen wie antarktischen Gebieten in Menge aufzuzählen weiss, sind gerade in unseren Kolonien vor 1884 wenig vertreten, wenn man von Missionaren und von dem Norden Kameruns und einigen Strichen Deutsch-Ostafrikas absieht. Das ist mit einem Schlage anders geworden. Es konnte nicht ausbleiben, dass infolge der Aufteilung der afrikanischen Ländermasse zwischen den sieben europäischen Mächten ebenso der Engländer und Franzose als Forschungsreisender aus den deutschen Kolonien verschwand, wie der Deutsche aus den Landstrichen, welche England, Frankreich, Belgien, Italien, Spanien oder Portugal zugefallen waren; wohlverstanden, der eigentliche Forschungsreisende, der es als seine vornehmste, wenn nicht ausschliessliche Aufgabe betrachtet, die Bodengestaltung des durchreisten Gebietes, seine Flüsse und Berge, seine Pässe und Wege, seine Wüsten und Wasserstellen, die Verteilung seiner fruchtbaren Gebiete und seiner Eingeborenen nach besten Kräften zu erkunden und zu verzeichnen, kurz, die Karte des Landes zu entwerfen, um so die unumgängliche Grundlage zu schaffen, ohne welche der Soldat und der Verwaltungsbeamte, der Geologe und der Botaniker u. s. w. ratlos dastehen. Zu speziellen Zwecken, wie um Pflanzen oder Insekten zu sammeln, ethnographische oder geo
logische Vergleiche anzustellen, werden dagegen in Zukunft unsere Kolonien fremden Forschern sicherlich ebenso offen stehen, wie den unserigen die fremden Gebiete.
Die ersten Jahre nach der deutschen Besitzergreifung sind in sämtlichen Kolonien keineswegs durch eine rege und sorgfältige Forschungsthätigkeit ausgezeichnet gewesen. Es ist das leicht begreiflich; denn es galt vor allem, von den wichtigen Küstenpunkten Besitz zu ergreifen, von dort wenigstens auf den Ilaupt- verbindungsstrassen Vorposten in das Innere vorzuschieben und sich im allgemeinen zu orientieren. Die Zeit für ein Dctailstudium war noch nicht gekommen, und wissenschaftliche Bestrebungen mussten hinter praktische Ziele zurücktreten. Erst nach einem halben Jahrzehnte oder mehr, hier früher, dort später, fangen die ersten gründlicheren Aufnahmen an, zuerst in Togo, dann in Ost- und Südwestafrika, um sich in den letzten sechs Jahren namentlich in der wichtigsten Kolonie, in Ostafrika, zusehends zu vervollkommnen und mehr und mehr auszudehnen.
Wenn hier von »Aufnahmen« gesprochen wird, so darf man dabei nicht an Vermessungen im Sinne der grossen europäischen Landesaufnahmen denken. Wenn für die Aufnahme des gesamten Deutschen Reiches nach den heutigen Anforderungen ein Zeitraum von 60 Jahren als erforderlich gilt, so bedarf es für das fast doppelt so grosse Deutsch-Ostafrika allein mehr als eines Jahrhunderts. Und noch ist der Anfang kaum gemacht worden. Werden so bald dafür die Geldmittel und die Menschenkräfte zur Verfügung stehen? Wenig oder nichts, von einzelnen Kiistcnstrccken und der deutsch-englischen Grenze zwischen Indischem Oceane und Kilima-Ndjaro abgesehen, kann in den Kolonien als absolut sicher aufgenommen betrachtet werden; fast für alles gilt nach wie vor Ilcraklcits Spruch »Alles fliesst«. Nur in Usambara in Deutsch-Ostafrika ist mit einer kleinen Triangulation der Anfang gemacht worden, welche aber, so viel man weiss, mit der Küstcn-Auf-
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