Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1910) Togo, Südwestafrika, Schutzgebiete in der Südsee und Kiautschougebiet / hrsg. von Hans Meyer
Entstehung
Seite
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Togo.

Begabung und Charaktereigenschaften. Über dieses so wichtige Thema liegen nur wenig direkte Beobachtungen auf Grund längerer Studien vor, und diese beziehen sich fast ausschließlich auf die Ewe des Küstengebietes. Meist sind nur abgerissene Bemerkungen in der Literatur zu finden, welche die Erfahrungen wiedergeben, die einzelne Reisende mit­gebracht haben. Im allgemeinen sind die Bewohner Togos ihrem Charakter nach wohl richtige Neger, mit all den Fehlern und Vorzügen dieser Rasse ausgestattet. Aber sie sind doch, wie die meisten Bewohner des Westsudans und Oberguineas, auffallend bildungsfähig, fleißig und strebsam. Das mag eine Folge der mehr oder weniger starken Beimischung vom Blut der durch Fleiß und Begabung ausgezeichneten Roten Äthiopier sein. Im ein­zelnen sind selbst bei nebeneinander wohnenden und sogar dieselbe Sprache redenden Stäm­men und Völkern größere Unterschiede festzustellen. So gelten die Ewe und die haupt­sächlich aus Joruba bestehenden Bewohner von Atakpame für wenig kriegerisch, fleißig und gutmütig, und ihr Handelsgeist ist gut entwickelt. Allein die zu den Ewe gehörenden Anglo sind im Gegenteil kriegerisch und waren früher die ärgsten Sklavenjäger. Auch die Gbele, die sreilich nicht richtige Ewe sind, sondern nachträglich deren Sprache angenommen haben, sind als Räuber und Meuschenfänger gefürchtet. Die Gebirgsstämme, wie z. B. die Akposso, Kebu, Atjuti und Adele, sind alle recht kriegerisch, gewalttätig und gegen Fremde miß­trauisch. In schlechtem Rufe stehen auch die Kunja; sie gelten für hinterlistig und streitsüch­tig, sind aber sonst fleißig und durch Sauberkeit ausgezeichnet. Ihre nächsten Verwandten, die Ngbanje oder Tschangboröng, sind dagegen furchtsam und wenig kriegerisch. Daß die Santrokofi, Baika, Akpafu und alle die anderen kleinen Volkssplitter, die sich in die Gebirge der Buernregiou geflüchtet haben, scheu, mißtrauisch und räuberisch sind, ist Wohl eine Folge der schlimmen Erfahrungen, die sie gemacht haben, und der Armut und des Elendes, in dem sie leben. Während die Anjanga für diebisch gelten, werden die Bassari als gewalttätige, faule, eigensinnige Trunkenbolde und Räuber geschildert, die es wohl verstanden haben, sich gegen die Dagomba, Tschokossi und Tschaudjo mit Erfolg zu wehren. Wie in anthro­pologischer Beziehung ist auch bezüglich der Charaktereigenschaften zwischen den sprach­verwandten Kabre und Losso ein merkwürdiger Gegensatz zu bemerken. Während die Kabure ernst und schwerfällig sein sollen, heißt es von den Losso, sie seien lebenslustig und leicht­sinnig; zur Zeit der schlimmsten Epidemie der Genickstarre feierte man in ihren Dörfern aus­gelassene Tanzvergnügungen. Besonders durch Begabung und Zielbewußtsein ausgezeichnet sind die Mohammedaner. Einmal haben sie mehr religiöse Ideale, wie ja überhaupt ihre Religion auf einer viel höheren Stufe als die der Heiden steht, sodann aber besitzen sie einen viel weiteren Horizont, da sie über die Länder und Vorgänge der weiten, weiten Gebiete vom Senegal bis nach Mekka unterrichtet sind. So überragen denn besonders die Haussa, die oft gleichzeitig als mohammedanische Prediger auftreten, durch Charakter und Fähig­keiten, namentlich aber auch durch Handelsgeist die Heidenstämme, durch deren Gebiet ihre Karawanen ziehen oder in deren Städten sie sich niederlassen. Über den Charakter der Fulbe Togos liegen Berichte nicht vor; man wird aber annehmen können, daß er nicht anders wie der ihrer Brüder im Sudan ist.

(!. Staatliche und soziale Verhältnisse.

s,) Politische Organisation (f. Kärtchen 2 auf der Tafel bei S. 56). Die primi­tivste politische Organisation in Togo ist die Sippenorganisation. An der Spitze