Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1910) Togo, Südwestafrika, Schutzgebiete in der Südsee und Kiautschougebiet / hrsg. von Hans Meyer
Entstehung
Seite
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Togo.

zugänglichen Juselberge und vor allem die fast senkrecht abfallenden Sandsteinplateaus im innern Sudan sind gebirgige Rückzugsgebiete, in denen sich Reste zersprengter Völker sehr wohl gegen übermächtige Feinde halten können; eine größere Staatenbildung ist hier aller­dings nicht recht möglich. Ganz besonders eignen sich solche Gebirge als Rückzugsgebiete, wenn sie mit dichtem Urwald bedeckt sind. Nur ungern geht der Mensch aus der Steppe in das feucht-heiße, ungesunde Waldland, wo er keinen Überblick hat, wo er sich nur schwer bewegen und keine Rinderzucht treiben kann. Alle diese Momente dienen auch dazu, eine größere Staatenbildung zu erschweren oder unmöglich zu machen. Gelangt der Mensch, das Waldland durchquerend, an die Küste, so trifft er wieder auf günstigere Verhältnisse; denn das Meer und namentlich die leicht zu befahrenden Lagunen bieten eine reichlichere Nahrung, und so kann man denn immer wieder und wieder beobachten, daß die siegreich nachdrängenden Völker diejenigen Stämme, die vor ihnen die Küste erreicht haben, wieder in den Wald zurückdrängen. Seitdem nunmehr der europäische Handel sich an der west­afrikanischen Waldlandküste festgesetzt hat und die dortigen Stämme nicht nur durch ihn in ungeahnter Fülle mit den Produkten einer höheren Kultur versorgt, sondern auch mit Feuerwaffen ausgerüstet werden, hat sich die Küste aus einem Rückzugsgebiet in ein be­vorzugtes Gebiet verwandelt, das die starken Stämme des Innern zu erreichen streben.

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6. Die WevölRerung.

Bei der Betrachtung derethnographischenVerhältnissedesWest- sudans und Oberguineas tritt die Wichtigkeit der drei großen Klima- und Vege­tationszonen der Wüste im Norden, der Steppengebiete in der Mitte und des Waldlandes im Süden klar und deutlich in Erscheinung. Im allgemeinen erfolgte die Einwanderung der verschiedenen Völker von Marokko und der Sahara her. Am Südrande der Wüste, be­sonders am Niger, bildeten sich große Kulturreiche. Neue Einwanderer verdrängten dann die alten Völker in die Gebirge des Innern und das Waldland; dort haben sich die ur­sprünglichen Kulturen zum Teil erhalten. Auf Grund der eingehenden Forschungen von Barth, Binger, Monteil, Dubois und vielen anderen französischen Gelehrten, namentlich auch infolge der Ausgrabungen und Sammlungen des Leutnants Desplagnes ist man wenig­stens in großen Zügen über die politische und kulturelle Geschichte orientiert. Wenn auch zweifellos noch vieles unklar ist oder als hypothetisch hingestellt werden muß, so dürfen im großen ganzen doch wohl die Vorstellungen vo^ Desplagnes Beachtung verdienen, und wir geben sie im folgenden kurz wieder.

^. Geschichte der Völker des Wcstsudans.

Als älteste Rasse nimmt Desplagnes Pygmäen an. von denen nur sagenhafte Überlieferungen melden, daß sie als Jäger und Fischer in den Gebirgen und Sümpfen gelebt hätten. Die zweite Rasse, welche die Grundlage der heutigen Bevölkerung bildet, sind die Neger, wahrscheinlich stark prognathe dolichokephale Leute, ausgezeichnet durch starke Tätowierung, häufig auch durch Zahnfeilung, Lippendurchbohrung sowie Beschnei­dung der Knaben und Mädchen. Auf Jungfräulichkeit der Mädchen vor der Ehe legte man Wert. Ihre religiösen Vorstellungen beschränkten sich vielleicht auf eine gewisse Geisterfurcht