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Deutsches Kolonistenleben im Staate Santa Catharina in Süd-Brasilien / von Hermann Leyfer. Mit einem Vorwort von Albrecht Wilhelm Sellin
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hier breit, und mit zunehmendem Wohlstand und mit der Entwicklung des Erwerbsleben zu Handel und Industrie bildet sich auch schon merkbar der den Deutschen besonders eigene Kastengeist aus.

Numerisch beträgt das deutschsprechende Element im Staate Sta. Catharina Wohl den dritten Theil der gesammten Bevölkerung von ca. 285 000 Seelen. Auch ohne Zuwanderung aus Deutschland vermehrt sich das Deutschthum, einmal durch den reichen Kindersegen in den deutschen Familien, und dann kann man auch die Beobachtung machen, daß in einem gemischt sprachlichen Terrain, z. B. am Jaraguä, andcrssprachliche ein- gewanderte Elemente, so besonders die Polen, Ungarn, Rumänen und selbst Italiener letztere trotz ihrer Sprach- und Rassenverwandtschaft mit den

Brasilianern sich dem Deutschthum assimiliern. Die deutsche Sprache ist auch dort absolut vorherrschend. Entsprechend seiner numerischen und wirth- schaftlichen Bedeutung wächst auch der politische Einfluß des Deutschthums im Staate Sta. Catharina von Jahr zu Jahr, wobei insbesondere auch der Umstand nicht unbeachtet bleiben darf, daß nach dem Wahlgesetz jeder Bürger, um Wähler zu sein, auch lesen und schreiben können muß. Als genügend wird dabei freilich die Fähigkeit der Namensunterschrift angesehen, welche der Deutsch-Brasilianer fast durchgehende dagegen von den Luso-Brasilianern nur ein Bruchtheil besitzt, sodaß der Procentsatz der deutsch sprechenden Wählerschaft das numerische Verhältniß der Deutschen zur Einwohnerzahl übersteigt. Wenn trotzdem der politische Einfluß des Deutschthums hinter seiner Macht als Wählerschaft zurückbleibt, so liegt dies in dem Jndifferentismus eines großen Theils der Deutschen und in ihrer Unkenntniß der Landessprache und Landes­gesetze. Der Jndifferentismus beginnt aber schon mehr und mehr zu schwinden, und mit Sicherheit ist der Tag zu erwarten, wo das deutschsprachliche Element thatsächlich eine seiner Stellung im Wirthschaftsleben und seinen politischen Rechten entsprechende Stellung auch im öffentlichen Leben des Staats ein­nehmen wird.

In der Politik herrscht einstweilen keine Einigkeit unter den Deutschen, sie spalten sich vielmehr im Anschluß an die Parteipolitik des Landes. So bedauerlich dies auf den ersten Blick erscheint, dürfte diese Uneinigkeit zur Zeit im Interesse des Deutschthums liegen. Eine geschlossene deutsch­brasilianische Partei würde leicht das gesammte Brasilianerthum zum Gegner haben, während jetzt die sich befehdenden Landesparteien auf ihre deutschen Wähler Rücksicht nehmen müssen. Zudem hat einstweilen das deutsche Element noch keine Veranlassung zum Kampf. Um als selbstberechtigtes Volks­element auf dem politischen Schlachtfeld zu erscheinen, ist es noch zu schwach, besonders fehlen ihm genügend kundige Führer. Einstweilen ist das Municip das Feld, wo das Deutschthum in den deutschen Kolonieen sich die Leitung wahren muß und im Allgemeinen auch zu wahren versteht.

Der Brasilianer am Jtapocn und der deutsche Kolonist.

Der Brasilianer des Urwaldes am Jtapocü, mit welchem der An­siedler der Hansa in Berührung kommt, ist von schmächtigem Körperbau, dabei aber kräftig und ausdauernd. Sehr stark ausgeprägt ist in der