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Deutsches Kolonistenleben im Staate Santa Catharina in Süd-Brasilien / von Hermann Leyfer. Mit einem Vorwort von Albrecht Wilhelm Sellin
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Dieser Gesellschaft ist auch in Deutschland die staatliche Genehmigung zur Beförderung von Auswanderern nach ihren Ländereien in Sta. Catharina ertheilt worden und befördert sie dieselben von Bremen und Hamburg aus mit den Dampfern des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft bis nach SLo Francisco im Zwischendeck zum Preis von 100 Mk. für die erwachsene Person, von 50 Mk. für jedes Kind von 612 Jahren und von 25 Mk. für Kinder von 26 Jahren, während Kinder unter 2 Jahren frei sind. Von SLo Francisco werden die Ein­wanderer gegen eine weitere Gebühr von 20 bezw. 10 und 5 Mk. über Joinville auf Kosten der Gesellschaft bis zum Ansiedlungsort geschafft.

Die Gesellschaft verkauft das Land in einzelnen Kolonieloosen von durch­schnittlich 100 Morgen, den Morgen je nach der Güte und Lage des Grund­stücks gegenwärtig noch zum Preise von 6 10 Milreis pro Morgen: doch ist es nicht ausgeschlossen, daß sie wegen der Kostspieligkeit des Straßenbaues eine Erhöhung des Landpreises eintreten lassen wird. Sie gewährt unbemittelten Einwanderern für die Bezahlung Kredit aus fünf Jahre, doch laufen die Zinsen von 6 ^ mit dem dritten Jahre der Ansiedlung, d h. der Kaufpreis ist zwei Jahre zinsenfrei.

Entstehen zwischen den Kolonisten und der Direktion der Gesellschaft Differenzen wegen mangelhafter Erfüllung des Vertrags, Schadenersatzansprüche u. f. w., so ist zum Schutze der Einwanderer die Bestimmung getroffen, daß die Entscheidung des zuständigen deutschen Konsuls maßgebend ist.

Politische und wirthschaftliche Stellung der Deutschen.

Im Allgemeinen darf man Wohl sagen, daß der Eingewanderte hier von den Behörden den Einheimischen gleich behandelt wird, und daß von einer Rechtlosigkeit des fremden Elements den Eingeborenen gegenüber keine Rede sein kann.

Wenn wirklich einmal eine Mißhandlung eines Ausländers (estranßsiro) durch Brasilianer vorkommt und die Behörden nicht energisch vorgehen, so kann man gewiß sein, daß die Parteipolitik dabei eine Rolle spielt. Dieser aber opfert der Brasilianer selbst sein Brasilianerthum. Ein Beispiel möge dies erläutern. Voran geschickt sei, daß die Brasilianer von dem Ein- gewanderten verlangen, daß er sich der brasilianischen Nationalität assimilire und vor allem die Landessprache annebme. Wer seine Muttersprache ablegt und zum Brasilianer in Sprache und Sitte wird, der ist ihnen ein will­kommener Mitbürger. Diese Gesinnung ist Wohl allen Brasilianern mit verschwindenden Ausnahmen eigen. Und doch hatten im Municip Joinville bei den Municipalwahlen im Jahre 1898 brasilianische Staatsbeamte ein Wahlmanifest unterzeichnet, in welchem erklärt wird, die zu wählenden Kandidaten müßten mit Rücksicht auf den größten, nur deutsch sprechenden Theil der Bevölkerung der deutschen und der brasilianischen Sprache mächtig sein. Natürlich war das für die Brasilianer nur ein Wahlmanöver, im Herzen dachten sie Wohl anders: aber um der Regierungspartei, deren Haupt­kandidat ein Deutschbrasilianer war, zum Siege zu verhelfen gegen einen Lusobrasilianer, der in der deutschen Bevölkerung über einen großen Anhang verfügte, brachte man dies Opfer nationaler Empfindung.