Chinas Erwachen.
Von
Hofrat Dr. C. Spielmann-Wiesbaden.
Es waren nunmehr im September gerade zehn Jahre her, daß die große Reformbewegung, die im Tschungkwo, d. h. im Reiche der Mitte, eingesetzt hatte, durch die jähe Palastrevolution der Altchinesen, welche die frühere Kaiserin- Regentin zu ihrem Führer erhoben, zum Stillstand gebracht wurde. Aber was hat sich in dem Dezennium weiter in China ereignet, und wie anders sieht es heute dort aus!
Kaiserin Tszehsi ist lange als Stockreaktionärin angesehen worden; vielleicht war sie es früher, vielleicht nie ganz; zweifellos ist, daß sie heute es nicht mehr ist. Wenn etwas, dann hat ihr die große abendländische Invasion vor acht Jahren die Augen darüber geöffnet, daß es mit dem Bisher nicht mehr so weiter gehen könne. Was die Chinesen abhielt, dem Beispiele der Japaner nachzuahmen und die Kulturformen der Jangkweitsze oder fremden Teufel anzunehmen, das war der Aberglaube, der die Rache des Großen Drachen und der vielen anderen Dämonen fürchtete, wenn die altgeheiligten Bräuche, Sitten und Einrichtungen verletzt würden. Nun, die westlichen Barbaren haben das alles hundert- und tausendfach verletzt; ihnen blieb nichts heilig, was den Chinesen heilig war, und die Dämonen rächten und straften nicht. Die Religionsanschauungen der Zopfmänner erlitten einen gewaltigen Stoß, und das ganze Gebäude der sonderbaren Mischung von rein ethischem Konfuzianismus und kraß blödem Götzentum brach zusammen.
Doch folgte nun nicht das, was in Japan vor vierzig Jahren geschah, daß die Neuerer mit einemmale mit dem Alten reinen Tisch machten. Die Ursachen der japanischen und der chinesischen Reformbewegung sind eben auch so verschieden wie