Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1909) Ostafrika und Kamerun / hrsg. von Hans Meyer
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Ostafrika.

Der Schrecken aber, der den Kriegszügen der verwegenen und wohldisziplinierten Sulustämme überall vorausgegangen war, wurde für einige an sich friedliche Ackerbau­völker der Anlaß, sich ihrerseits als Sulu aufzuspielen, sich nach Suluart zu bewaffnen und plündernd in die Nachbargebiete einzufallen. SolcheSuluaffen" find im deutsch- ostafrikanifchen Gebiet die Mahenge und Wahehe, die um 1860 vom Häuptling Njugumbo. in einem gemeinsamen Reich zusammeugefaßt wurden und unter den folgenden Häuptlingen ihre Raubzüge über Ubena, Ussagara, Ugogo usw. ausdehnten, bis sie nach ihrem Überfall auf die Zelewski'sche Expedition (1891) von den deutschen Schutztruppen mehrmals geschlagen und unterworfen wurden (S. 186). Damit enden die jahrhunderte­langen kriegerischen jüngeren Bantuwanderungen von Süden nach Norden. Mit den ent­gegengefetzten nordfüdlichen Völkerwanderungen der hamitischen Massai stießen aber diese Bantuzüge nicht schwer zusammen, weil gerade damals die deutsche Besetzung Deutsche Ost­afrikas militärisch dazwischentrat. Auf das wirksamste wurde das Bemühen der Deutschen, friedliche Zustände herbeizuführen, durch das epidemische Umsichgreifen der Rinderpest unterstützt, das den Viehstand der Nomaden, vor allem der Massai, fast gänzlich vernichtete und hierdurch die vom Vieh lebenden Hirtenstämme selbst furchtbar dezimierte.

Aus dem gesamten Verlauf der geschilderten Völkerbewegungen erklärt sich die geogra­phische Verteilung der heutigen Bevölkerung Ostafrikas (f. die Völkerkarte im Anhang). Wir können danach Deutsch-Ostafrika als ein völkergeographisches Grenzgebiet bezeichnen, in dem die große Familie der Bantu heute im östlichen Afrika ihre nördlichste Verbreitung hat. Es ist aber auch ein völkergeographisches Zwischengebiet, in das von Norden her die rassefremden Hamiten und Niloto-Hamiten, von Süden her die Sulustämme eingedrungen sind; die Scheide zwischen diesen beiden großen Völkergruppen liegt ungefähr im Verlauf der Karawanenstraße Daressalam-Tabora. Typen der Hauptgruppen, nämlich der Bantu, der Hamiten, der Niloto-Hamiten und der Mischvölker, werden wir, soweit es diegeogra - phische, auf die Erscheinungen der Erdoberfläche und deren kausalen Zusammenhang ge­richtete Betrachtung des Landes erlaubt oder erheischt, in den Darstellungen der einzelnen Landschaften kennen lernen. Die Verbreitung der von den genannten Völkerwanderungen und von den Malaien, Arabern, Persern, Portugiesen usw. ins Land gebrachten Kulturgaben ist aus der beigehefteten Karte und den erläuternden Bemerkungen K. Weules zu ersehen.

2. Fremde Einflüsse aus die Kultur und Geschichte der ostafrikanischen Negervölker.

Bei der Betrachtung der Lage Ostafrikas (S. 17) haben wir fchon gesehen, daß es im Gegensatz zu Westafrika, das durch den jahrtausendelang verschlossenen südatlantischen Ozean ebenso von äußeren Einflüssen abgeschieden war wie das ihm gegenüberliegende Südamerika, einem Ozean zugewandt ist, der die Küsten uralter Kulturländer bespült, und daß es namentlich von Arabien her zahlreiche Einwirkungen empfangen hat, die wir nachher näher kennen lernen werden.

In Anbetracht dieser lange Jahrhunderte bestehenden Beziehungen ist es verwunder­lich, daß im heutigen Kulturbesitz des ostafrikanischen Negers so verschwindend wenigvon fremden Kulturelementen zu bemerkeu ist, außer den jüngeren Gaben des letzten Jahrhunderts ^104; 423^. Von den Nutztieren des ostafrikanischen Negers stammen wahr­scheinlich nur der Hund und der Esel aus Afrika, während mit den späteren Bantu-Ein­wanderungen das Zeburind und Schaf und mit den Hamiteninvafionen die Großhornrinder