Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1909) Ostafrika und Kamerun / hrsg. von Hans Meyer
Entstehung
Seite
18
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Ostafrika.

dort an das britische Ugandaprotektorat und Britisch-Ostafrika, hier an das portugiesische Moxambique grenzend.

Infolge dieser Zwischenlage zwischen dem Indischen Ozean und den Großen Seen hat Deutsch-Ostafrika fast zur Hälfte seiner Grenzen Küstengrenzen und zwei Küstenfronten, eine nach außen, eine nach innen. Damit ist eine doppelte Rand­lage gegeben W; 632^. Der Jnnenrand ist zum größten Teil eine ebenso starke Wirkungs­front dem afrikanischen Binnenland gegenüber wie der Ostrand, von dem oben die Rede war, dem Indischen Ozean und dessen Randländern gegenüber; er ist geographisch eine vorzügliche Grenze und politisch voll großer Kraft, aktiv zur Erschließung des Nachbar­gebietes, defensiv zum Schutz des eigenen Landes.

Diese Vorteile der geographischen Lage Deutsch-Ostafrikas fallen doppelt ins Ge­wicht gegenüber deu Nachteilen seiner politischen Nachbarschaft. Vor allem ist das eine zu beachten: Von Süd- und von Nord-Ostafrika streben die Ausläufer britischer Expansion aufeinander zu, um sich zumBackbone" Afrikas auf der Linie Kap-Kairo zu­sammenzuschließen. Für diese gewaltige Tendenz des britischen Imperialismus ist Deutsch- Ostafrika, das westwärts bis an den vormaligen Kongostaat reicht, das einzige machtvoll trennende Hindernis, denn Portugal ist dem Andrang seines großen britischen Freundes schon gewichen, und der belgischen Kongokolonie dürfte die Begehrlichkeit Englands, von der sie schon wiederholt Proben erhalten hat, gefährlich werden, wenn sie nicht in engem Anschluß an Deutschland verharrt. Deutsch-Ostafrika allein kann es vermöge seiner Zwischenlage verhindern, daß Englands Flagge über der ganzen Osthälfte Afrikas wehe, und daß damit auch der Indische Ozean ein britisches Meer werde. Freilich birgt diese doppelte Nachbarschaft" ^25; 293^ Deutsch-Ostafrikas ernste Gefahren für Deutschland, aber anderseits ist durch eine solche Zwischenlage Deutsch-Ostafrika für uns auch der Träger politischer Macht und für die Weltteilung und Weltgeschichte ein bedeutungsvoller Faktor. Wollen wir ihm und uns diese Rolle in der Weltpolitik erhalten, so müssen wir unser Schutzgebiet in jeder Hinsicht zu stärken suchen.

2. Die Grenzen.

Die Grenzen, die dem Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika seine politische Lage und seine Figur geben, sind gezogen, nicht geworden; so brachte es die Art der Koloniegründung mit sich. Obwohl schon viel daran geändert ist, besteht doch noch eine starke Inkongruenz der politischen mit den von der Natur gewiesenen geographischen Grenzen, aber das Bestreben, die politischen Grenzen den geographischen anzupassen und sie womöglich ganz mit diesen zusammenzulegen, ist schon durch politische Rücksichten aufgenötigt und wird weiter durch Grenzexpeditionen erfüllt. Das ist der Entwickelungsgang aller poli­tischen Grenzen in der Welt.

Vor der Austeilung durch die europäischen Mächte, die auch in Ostafrika hauptsächlich durch den Eintritt Deutschlands in die koloniale Expansion (1885) hervorgerufen wurde, hatte Ostafrika keine Grenzlinien, sondern Grenzsäume. Dies gilt nicht nur für die sehr beweglichen Grenzen der Negerreiche, sondern auch für die des arabischen Sansibarreiches; auch dessen Grenzsäume waren nur im Süden gegen das portugiesische Gebiet einigermaßen bestimmt, dagegen im Norden gegen das Gallaland ganz unbestimmt und ebenso im Westen gegen das Kongobecken, bis dort die Gründung des Kongostaates (1884/85) eine feste