Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1909) Ostafrika und Kamerun / hrsg. von Hans Meyer
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Allgemeine Übersicht: 2. Lage und Grenzen,

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2. Die Lcrge unö die Grenzen.

1. Die Lage.

Deutsch-Ostafrika ist ein Teil, ein politischer Ausschnitt aus dem geographischen Gan­zen, das wir das tropische Ostafrika nennen. Da das Ganze ziemlich einheitlich in seiner natürlichen Beschaffenheit ist, so gehen von seinem Teil Deutsch-Ostafrika viele Beziehung gen zu und von den Nachbargebieten hinüber und herüber, und deshalb müssen bei einer Betrachtung Deutsch-Ostafrikas die Nachbargebiete oft mitbetrachtet werden, um den Teil aus dem geographischen Ganzen zu verstehen.

Innerhalb der großen ostafrikanischen Landmasse ist Deutsch-Ostafrika vor allem durch seine Lage individualisiert und charakterisiert ^25. 30). Die Lage ist in drei­facher Beziehung beachtenswert: 1) in allgemeinster Auffassung als Lage auf dem Erdball, als tellurische Lage. Danach betrachtet, ist Deutsch-Ostafrika ein in der Äquatorial zone liegendes Tropenland, mit ausgesprochenem Tropenklima und mit einer dem- entsprechenden biogeographischen Ausstattung, insbesondere mit einer den Tropen all­gepaßten Negerbevölkerung. 2) Ist die Lage auf dem besonderen Kontinent Afrika und zu dem ihn östlich bespülenden Ozean zu betrachten. Da ist vor allem charakte­ristisch, daß Deutsch-Ostafrika eine ozeanischeRandlage" hat; seine Hauptsront ist dem Indischen Ozean und dessen Küstenländern zugewandt, und zwar hauptsächlich deu Küsten ländern Arabiens und Indiens wegen der dorthin gerichteten und von dort kommenden periodischen Winde und Meeresströmungen. Diese geographischen Lagebeziehungen haben sür Ostasrika bedeutungsvolle geschichtliche Wirkungen hervorgebracht, wie wir später sehen werden (S. 70, 74). Ist das ganze östliche Afrika wegen seiner Lage zum Indischen, großen­teils von alten Kulturlälldern umrandeten Ozean die Geschichtsseite des außermediter­ranen Kontinentes geworden, so das äquatoriale Ostafrika insbesondere deshalb, weil hier die Küste am tiefsten zum Innern Zentralafrikas hin einspringt und reicher durch Buchteil und Inseln gegliedert ist als alle anderen ostafrikanischen Küstenstriche nördlich vom außer­tropischen Süden. Bei der geringen Gliederung der ungeheuren ungefügen afrikani­schen Kontnientmasse mußte diese Eigenschaft des heutigen Deutsch-Ostafrika voll größter Wichtigkeit für den ganzen Erdteil sein. Die Lage, die in der Richtung zum Meer al^ Randlage erscheint, wurde in der Richtung zum Innern des Kontinentes bedeutsam als Schwellenlage". Hier in der Einschnürung der Sansibarküste war von jeher der beste An­griffspunkt für die ins Landesinnere eilwringenden außerafrikanischen Kulturelemente sowie für die fremden Händler und Eroberer, die Portugieseu, die Araber, die Engländer und die Deutschen. 3) Kommt die Lage Deutsch-Ostafrikas innerhalb des größeren äquatorialen Ostafrika, von dem es ein gleichgeartetes Stück ist, in Betracht. Dieses ist charakterisiert als ein von einem relativ schmalen Küstenland schnell ansteigendes riesiges Hochplateau mit großen tektonischen Senken und darin liegenden Seebecken. Das größte dieser tektonischen Senkungsgebiete ist das des nordsüdlich verlaufendenZentral­afrikanischen Grabens" mit der Seenreihe: Albertsee, Albert-Edward-See, Kiwu, Tanganjika, dem sich südlich die Grabensenke des Rukwa und des Njassa anschließt. Bis dorthin, bis an die drei zuletztgenannten Seen, erstreckt sich landeinwärts das deutsche Ostasrika, wo es an den vormaligen Kongostaat und Britisch-Zentralafrika grenzt, während es im Norden bis an den mächtigen Vietoriasee, im Süden bis an den langgedehnten Rowumafluß reicht,

Das Deutsche Kolonialreich, l. 2