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X. Bemerkungen über die Entwickelungsgeschichte der ostafrikanischen Flora. *)
Dass wir von einer vollständigen Kenntniss der Flora Ostafrikas noch weit entfernt sind, habe ich bereits mehrfach angedeutet; aber die bis jetzt bekannten Thatsachen der Pflanzenverbreitung in Ostafrika reichen doch schon hin, um uns eine Vorstellung von den Grundzügen der Formenentwickelung in Ostafrika zu geben. Wir sehen, dass die Küstenflora Ostafrikas in hohem Grade mit derjenigen Ostindiens übereinstimmt und wir können auch leicht einsehen, wie bei den Verbreitungsmitteln der Küstenpflanzen ein Austausch zwischen den ostafrikanischen und indischen Küsten erfolgen konnte. Wir lernten ferner die reiche Flora der Steppengehölze mit ihren zum Theil weit verbreiteten Formen und die tropischen Regen- und Alluvialwälder Ostafrikas kennen. Es zeigte sich, dass der ostafrikanische Tropenwald aus Formen zusammengesetzt ist, welche entweder selbst in dem Gebiet von Senegambien bis zum Kongo aüftreten, oder mit den dort vorkommenden Arten nahe verwandt sind, und dass die ostafrikanische Tropenwaldflora nicht reicher an Beziehungen zur ostindischen Waldflora ist, als die westafrikanische. Berücksichtigt man ferner, dass die Sammlungen Schweinfurth’s aus dem Ghasal-Qellengebiet eine grosse Anzahl Arten ergeben haben, welche zur westafrikanischen Waldflora in gleicher Beziehung stehen, dass dasselbe auch noch in gewissem Grade von der Waldflora am Westfuss des abyssinischen Hochlandes gilt, dass die Sammlungen Dr. Stuhlmann’s auf der Emin Pascha-Expedition ein Vordringen zahlreicher westafrikanischer Waldtypen bis nach Unyoro und Uganda ergeben haben, dass nicht bloss am unteren, sondern auch am oberen Kongo und seinen Nebenflüssen sich breite Streifen geschlossenen Urwaldes erstrecken, dessen Bestandtheile uns allerdings nur durch Pogge's Sammlungen von Lulua und Lualaba bekannt geworden sind, so kann an dem einheitlichen Charakter der tropischen Waldflora Afrikas nicht gezweifelt werden. Es entsteht nun die Frage, ob die Waldflora des tropischen Ostafrika von Westen her in die Steppenflora eingedrungen ist oder ob der Wald früher eine grössere Ausdehnung gehabt und die Steppen- oder Savannengehölzflora an Ausdehnung gewonnen hat. Das Letztere ist aus guten Gründen das Wahrscheinliche. — Es stellen bekanntlich die ostafrikanischen Gebirge die Reste eines alten vorsilurischen Tafellandes dar, das in mehrere Schollen zersprengt und hier und da von eruptiven Gesteinen durchbrochen und überlagert wurde. Es ist also ziemlich sicher anzunehmen, dass vor der Zersprengung des ostafrikanischen Tafellandes im Osten desselben die Seewinde an mehr Stellen, als später und als gegenwärtig, die Entwickelung der tropischen Regenwald- und auch der Bergwaldflora begünstigten. Nach den Berichten Dr. Stuhlmann's sind auch Unguu, Usagara und Ukami jetzt noch reich an Wäldern. Westlich vom Tanganyika-See stossen wir aber bald auf die von tropischem Urwald begleiteten Nebenflüsse des Kongo. So waren also einerseits früher, als das Tafelland noch weniger zersprengt war, ausgedehntere Wälder vorhanden; andererseits muss auch in Betracht gezogen werden, dass vor dem Auftreten des Menschen in Afrika die Wälder dichter waren, als gegenwärtig, dass in dem Vorland (Va und Vb), so lange der Mensch noch nicht Gehölze niederbrannte, sich ein reichlicherer Baumwuchs entwickeln konnte. Wenn also auch nicht ein zusammenhängendes, von Westafrika bis Ostafrika durchgehendes Waldgebiet vorhanden war, so waren doch die Stationen, auf denen die Waldpflanzen
*) Auf die in diesen Bemerkungen vorkommenden Pflanzennamen ist im Register nicht verwiesen, da ein solcher Hinweis nicht nothwendig erschien.