Einleitung.
§ 1.
Der Aufstand in Südwestafrika und seine Folgen für die politische, wirtschaftliche und finanzielle Entwickelung des
Schutzgebiets.
I. Der gegenwärtige Aufstand der Herero und Hottentotten in unserem südwestafrikanischen Schutzgebiet bildet den Abschluss einer unglückseligen Periode der deutschen Kolonialpolitik. Erst volle zwanzig Jahre, nachdem wir im Schutzgebiet festen Fuss gefasst und die Reichsflagge gehisst hatten, ist dieser gewaltige Entscheidungskampf um die Herrschaft zwischen der weissen und schwarzen Rasse entbrannt. Während er aber uns Deutsche als die kulturell höherstehende Rasse völlig unvorbereitet traf, ist er auf Seiten der minderwertigen eingeborenen Rassen mit vollem Vorbedacht und grosser Sorgfalt vorbereitet. Dies hätte nie geschehen dürfen und können, wenn nicht ein bemerkenswerter Mangel an politischem Instinkt und an staatsmännischer Überlegung auf Seiten der Deutschen diejenigen Massnahmen hätte verabsäumen lassen, welche geeignet waren, die deutsche Herrschaft im Schutzgebiet fest zu begründen und unangreifbar zu machen. Die Sicherung der politischen Herrschaft gegen innere und äussere Feinde durch ausreichende Machtmittel ist bisher in jeder Kolonialpolitik die unerlässliche Voraussetzung, die notwendige Vorbedingung für eine erspriessliche wirtschaftliche und finanzielle Entwickelung der Kolonialgebiete gewesen.*)
Die Ziele der deutschen Kolonialpolitik in Südwestafrika waren hiernach fest umgrenzt und klar vorgeschrieben:
1. Die Aufrichtung der unumschränkten deutschen Reichsgewalt und ihre Sicherung zunächst gegen innere, danach auch gegen eventuelle äussere Gegner;
2. die wirtschaftliche und kulturelle Hebung des Landes;
3. die Entwickelung des Schutzgebiets zur finanziellen Selbständigkeit.
*) Siehe hierzu meine Abhandlung über „Die Schutzverträge in Deutsch- Südwestafrika". Ein Beitrag zur rechtsgeschichtlichen und politischen Entwickelung des Schutzgebiets. Berlin 1905, Verlag von W. Süsserott.
Hesse, Die Landfrage in Südwestafrika. 1