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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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Holz oder Bein und der Eßpinzetten (Taf. XXXVII. b) aus der geknickten Rippe einer Fieder des Sago­palmwedels, deren verfeinerte Form die Klemm­schere darstellt, wie man das Eßwerkzeug nennen kann, mit dem sie den Bissen, wie die Chinesen mit ihren Stäbchen, fassen.

Das sind die Gegenstände, die uns eine nähere Besichtigung der Wohnhütten kennen lehrt.

Eine gesonderte Betrachtung erheischt das Haus, das sich in den Sko-Dörfern sowohl wie in Tobadi an der Humboldt-Bai schon von weitem mit einer zweiten, der ersten gleichsam freirandig auf­gestülpten Dachpyramide hoch über die niederen Wohnhütten hebt: das Geisterhaus, wie es in wortgetreuer Ubersetzung sowohl nach melanesi- schem (T: läum-parak) als nach papuanischem (M: murub-tsinger) Sprachgebrauch zu nennen ist. Man steigt in Sae an der dem Männerhaus zuge­wandten Seite des Geisterhauses die übliche Leiter hinauf und tritt in einen weiten, hohen, gut gedielten Raum (siehe Taf. XX), dessen tiefes Dunkel nur hie und da ein Spalt oder eine Luke der niedrigen Palmstamm-Lattenwand unterbricht. In der Mitte des Raumes steht auf der Dielung (den Fußboden also nicht durchbrechend) ein Pfahl, dem dürre Äste fest angeschnürt sind; an deren Seitenzweigen hängen Bündel leerer und gefüllter Kokosnüsse, Fruchtkörbchen und Pakete aus den steifen Schei­denblättern der Sagopalme. Quer über die Dielen läuft, nur vom eben genannten Mittelpfahl unter­brochen, ein Sitzbalken. Nur kleine Gegenstände liegen auf einem Bord, der ungefähr in Mannes­höhe die Wände entlang läuft.

Die Hauptmasse der Dinge, die in wunder­lichem Wirrwarr den Raum füllen, hängt vom Dach herab; es sind Bündel (M: sanier) aus dicht zusam­mengeschnürten, apfelgroßen, roten Früchten einer Apocynacee (T: papiek, M: kumbängah), an denen lange Kokosfaserschweife befestigt sind. Da­zwischen pendeln Aufhängehaken, teils schön ge­schnitzte Anker, teils rohe Äste, an deren unterem Ende schräg aufwärtsstrebende Seitenzweige als Haken dienen. Auch ein Kanu hängt im Dachraum.

Beziehungen zu einer übernatürlichen Ideen­welt scheinen nur große, horizontal gestreckte Holzfiguren mit klaffenden Schnauzenenden zu haben. Ob sie, wie es scheint, Tiere, dann am wahrscheinlichsten Krokodile darstellen, ob sie wie in Tumleo Sinnbilder der hausbeschützenden Gei­ster sind, wage ich nicht zu entscheiden.

Ein sicherer Analogieschluß ist aber auf die Bedeutung der langen Schlitztrommel (T: karim, M: oiikär) erlaubt, eines ausgehöhlten Baumstam­mes, der auf vier Paar kurzen Beinen im Hinter­

grund der Hütte steht. Die Eindringlichkeit, mit der die Männer einstimmig gegen das Anschlagen der Trommel protestierten, bestätigt die Ver­mutung, daß ihr Ton wie in Tumleo die Stimme des erzürnten oder hungrigen Geistes bedeutet, der ein Schwein zum Opfer fordert. Das wird dann unter Ausschluß der verängstigten Weiber, die zu dem Fest nur reichlich Sago zu bereiten haben, im Geisterhaus gebraten und verzehrt. Wie weit in dieser seltsamen Mischung mystischer und mate­rieller Empfindungen, die sich hier mit Ubertölpe- lung der Weiber paaren, religiöser Ernst enthalten ist, könnte nur entscheiden, wer lange und vertraut mit dem Volke lebt.

Drastisch wurde uns die Rolle einer starken spitzen Bambusstange vor Augen geführt: wie mit ihr jedes Weib oder auch Kind, als Weiberspion, das in den ihnen streng verbotenen Raum ein­dringend, hinter die Kulissen des Geisterdienstes zu sehen sich erdreisten sollte, niedergestochen wird. Mit dieser Strenge, an deren Ernst nicht zu zweifeln ist, wahrt sich der Bund der Männer ein Vorrecht auf unkontrollierte Ausschweifungen.

Man darf der Sitte wohl allgemeinen Sinn geben, kann in ihr einen ältesten wohlgelungenen Versuch des Menschen sehen, die Religion Unwissenden gegenüber zum Werkzeuge der Herrschaft zu machen, noch nicht wie auf höheren Stufen der Zivilisation der Herrschaft eines bevorzugten Stan- ' des über Stände, sondern des einen Geschlechts über das andere, wie es dem Stadium eben erst keimenden sozialen Lebens dieser primitiven Men­schen entspricht.

b) Nahrungserwerb, Hand­werkszeug.

Das Wirtschaftsleben der Sko-Stämme spielt sich im eigenen Nahrungserwerb wie im nachbar­lichen Tauschhandel gleich einfach ab.-

Da, wo der Tami seine trübe Flut ins Meer er­gießt, ist Fischfang am ergiebigsten. Die Ein­geborenen von Sae bedienen sich, wo sie das Angeln mit Haken (die sie gern von uns eintauschten) nicht vorziehen, gewirkter Netze (siehe Taf. XXXIX. h), häja genannt. Der Netzrahmen besteht aus einem Stück starken Rotangs, das zu einer 80 bis 90 cm langen, 40 bis 50 cm breiten Schlinge (bei Kinder­netzen in kleineren Ausmaßen) in sich zurückge­bogen ist; die überkreuzten Enden dienen als Hand­griffe. Der Netzbeutel hat die Gestalt eines Kahns, dessen Vorderende, meist straff in den Rahmen eingespannt, in einen kurzen Zipfel ausläuft, wäh­rend das Hinterende sich in eine lockere und tiefer herabhängende Tasche fortsetzt.